event. Interview: Johannes Oerding

Von Nora Kleen. Wie ist das eigentlich, sich als Musiker vom Newcomer zu jemandem zu entwickeln, dessen Namen man kennt? Wie fühlt man sich, wenn man gerade noch vor nur zwei Zuschauern ein Clubkonzert gespielt hat und plötzlich im Vorprogramm von Simply Red vor 10.000 Menschen steht? Danach: Ein Auftritt in der NDR-Sendung „Inas Nacht“ und Supportshows für Ina Müller, Ich+Ich und Simply Red, dann ein neuer Plattenvertrag. 2009 erscheint die Welt für Oerding schier grenzenlos. Eine Pause gönnt er sich trotzdem nicht…

Du bist im Juni in Ina Müllers Show „Inas Nacht“ aufgetreten, wie kam es dazu?
Ich glaube, Ina hat eine CD von mir in die Hand gedrückt bekommen von einem ihrer Mitarbeiter. Dann hat sie sich – so erzählt sie mir das zumindest – in die CD verliebt und wurde dreimal geblitzt, während sie die im Auto hörte (lacht). Und da hat sie gesagt: „Den Jungen müssen wir mal einladen“. Mit der Tour war es so, dass ich freitags einen Anruf kriegte: „Sonntag ist der erste Tourtermin, hast Du nicht Bock mitzufahren?“. Und so waren wir dabei.

Du spielst diesen Sommer zahlreiche Auftritte als Support für große Acts. Wer hat Dich am meisten beeindruckt?
Die Jungs von Simply Red. Wobei es da eine positive und eine negative Seite gibt. Die positive ist, dass solche großen Acts wie die Band von Simply Red so menschlich und so nett sind, dass die zu mir kamen und meine CD kaufen wollten, und ich so „Nein, könnt ihr so haben“, und die so „Nein, hier, nimm!“ (lacht). Auf der anderen Seite kann so ein Mick Hucknall dann schon mal ein bisschen divenhaft sein.

Ab September gehst Du dann selbst auf Tour. Was erwartet uns bei den Konzerten?
Eine Show der Superlative (lacht). Nein, also erstmal ein ganz tolles, ausgewogenes Set von so zwei, zweieinhalb Stunden. Wir werden bei jedem Song bis zum Zerreißen alles geben und den Leuten einfach einen schönen Abend bieten, so dass sie immer wiederkommen.

Neue Songs auch?
Ja, auf jeden Fall! Jede Menge! Ganz frische, die ich letzte Woche geschrieben hab, die werden wir da schon spielen und ich will die dann auch ausprobieren. Da haben wir noch viel Arbeit vor uns, aber wir wollen das natürlich alles schön rund machen, so dass es eine tolle Show ist und nicht nur herunter gesungen und genau wie auf Platte klingt.

Bist Du vor den Solokonzerten besonders aufgeregt oder siehst Du das eher locker?
Ich bin eigentlich immer aufgeregt. Das ist immer die gleiche, positive Aufregung. Ich werde hibbelig und brauche dann kurz zwei, drei Minuten für mich. Das legt sich aber tatsächlich beim ersten Gitarrenakkord. Ob ich vor zwei Leuten in Berlin spiele oder vor 10.000 bei Simply Red ist da eigentlich egal.

Zwei Leute?
Zwei Leute. Plus fünfhundert meiner Plattenfirma. (lacht) Unser Plattenchef sagt heute noch, das war mein bestes Konzert. Wahrscheinlich eine Trotzreaktion, aber wir hatten Spaß.

Kommen wir zu Deinem Album. Sven Bünger, Gründer der Soullounge, hat drei Lieder beigesteuert und das Album produziert, wie wichtig war er für Deine Karriere?
Als ich nach Hamburg kam und Musik machen wollte, habe ich versucht, mich über die Liveschiene bekannter zu machen. Dann sind mir sehr schnell Sven und die Soullounge über den Weg gelaufen. Er hat mich als Gastsänger eingeladen und das hat so gut funktioniert, dass ich, als Roger Cicero aufhörte, sein Nachfolger wurde und seitdem Sänger der Soullounge bin. Wenn wir unterwegs waren, habe ich Sven meine eigenen Songs vorgespielt und er hat irgendwann gesagt: „Mensch, das ist tolles Material, lass uns mal zusammen was schreiben.“ Wir haben dann abends bei einem Gläschen Rotwein richtige Sessions gemacht. Ich war ja noch ganz am Anfang, ich fing gerade erst an selber zu komponieren und zu schreiben und wollte das natürlich verbessern. Dabei hat Sven mir auf jeden Fall sehr geholfen. Einmal haben wir den Johnny-Cash-Film „Walk the Line“ geguckt, da hat er zu der Szene vorgespult, wo der Typ vom Plattenlabel sagt: „Wenn Du jetzt noch einen Song zu singen hättest, welchen Song würdest Du dann
singen?“ Und da hat er mich gefragt, was ich denn singen würde und worüber. Daraus ist der Song „Wann wenn nicht jetzt“ entstanden.

Und jetzt, welcher Song wäre es im Moment?
Im Moment wäre es auf jeden Fall ein fröhlicher Song, ein sehr glücklicher Song über das Schöne am Leben, weil im Moment alles gut läuft und ich zufrieden bin.

Auf Deiner CD sind aber viele schwermütige Lieder. Bist Du als Musiker auch mal fröhlich und positiv?
Ja, auf jeden Fall. Klar, auf dem Album ist der Großteil sehr melancholisch, aber im Grunde sind alle Emotionen abgearbeitet. Da ist Trauer dabei, aber auch Freude und ganz viel Motivation, ob das jetzt bei „Die Tage werden anders sein“ ist, oder bei „Wann wenn nicht jetzt“. Es ist auch Wut dabei bei „Lass mich los“. Live spiele ich auch gern viele positive Songs, aber zur Zeit des Albums hatte ich eher eine sehr nachdenkliche Phase. Ich kann euch versprechen, das zweite Album wird wesentlich schneller, bunter und aufregender.

Wirst du fürs nächste Album mehr selber schreiben?
Ich will in erster Linie, dass das Album gut und rund wird. Und weil ich jetzt schon so viel geschrieben habe, wird wahrscheinlich noch viel mehr von mir sein, wenn nicht sogar alles, ja.

Wie kam es zur Mitarbeit von Sebastian Madsen an deinem Song „Grenzenlos“?
Sven warja auch der Produzent von Madsen und wir haben irgendwann gesagt „Der Sebastian schreibt ja auch schöne Texte, vielleicht fällt dem was auf unser Playback ein“ er kam direkt am nächsten Tag mit einer Idee um die Ecke und da hatte ich eigentlich gar keine Fragen mehr, weil ich genau mich genau so gefühlt habe in dem Moment..

Dein Album wurde in den GAGA Studios in Hamburg aufgenommen, wo auch schon Größen wie Robbie Williams oder die Ärzte Platten aufgenommen haben. Was war das für ein Gefühl dort deine Songs aufzunehmen?
Wenn man reinkommt sieht man die ganzen goldenen und Platinplatten da hängen, die das GAGA bekommen hat. Es ist eine schöne Sache, wenn man dann denkt „ich darf jetzt hier in einem Studio aufnehmen wo solche Leute gestanden haben, wo so gute Musik entstanden ist“. Aber viel wichtiger war, dass wir ein Studio fanden, wo die Atmosphäre stimmt, es ganz familiär ist und man Ruhe hat. Und das groß genug ist, dass man mit einer ganzen Band die Sachen live einspielen kann.

A propos Band, wie wichtig ist die für dich?
Die Band ist sehr wichtig. Die Jungs teilen die gleiche Vision wie ich und ohne die würde das auch vor allem live nicht so einschlagen. Andererseits sehe ich mich schon als Solokünstler und spiele ja auch oft alleine nur mit Gitarre, was auch funktioniert. Aber ich versuch die Jungs mit einzubeziehen. Wenn wir Sachen erarbeiten, gerade für den Livebereich, dann proben und arrangieren wir die neu, so dass jeder da von sich was mit rein geben kann. Jeder muss mit Herz dabei sein und das sind die Jungs alle.

Ach, bevor ich es vergesse: Bei der Vorstellung der Bandmitglieder auf deiner Webseite fällt einer besonders auf, James…
Tragische Geschichte … Mein Hund James. (zögert)

Oooh…
Nein, nein, ist nicht so schlimm. Ich hab den sieben Jahre lang erzogen und dann hat er mir sozusagen meine Freundin ausgespannt und ist mit ihr durchgebrannt. Aber er hat es besser dort, glaube ich (lacht). Ab und zu seh ich ihn aber noch. Der war übrigens immer mit dabei, also auf der Bühne saß der auch schon hinter den Boxen und musste zuhören.

Zurück zu deiner Musik. Du bist nicht mehr wirklich Newcomer und (noch) nicht Mainstream. Ab wann hattest du das Gefühl, dass die Musik vom Hobby zum Beruf wird?
Ganz tief in mir habe ich schon immer gedacht, dass ich irgendwann auf der Bühne stehen werde. Ich war immer so ein Bühnenmensch, der sich gerne in den Vordergrund drängte. Aber ich kam ja vom Dorf, da kannst du einmal im Jahr mit deiner Schülerband beim Stadtfest spielen und das war’s dann. Als ich dann anfing zu studieren – was völlig anderes – merkte ich, dass es so nicht funktioniert und dass ich das nicht mein Leben lang machen kann. Wenn ich dann Abends oder am Wochenende Gigs gespielt habe mit meiner Band, dann merkte ich immer, dass es das ist, was ich machen will. Und ich wusste, wenn ich das machen will, von morgens bis abends, dann muss ichs beruflich machen und wenn ichs beruflich machen will, dann muss ich raus aus dem Dorf in die Großstadt.

Du hast internationales Marketing studiert. Hilft dir das bei deiner Musikerkarriere?
Es gehört viel Kreativarbeit zum Marketing und das hilft mir insofern, weil wir ein familiäres Team sind und uns täglich neue Ideen ausdenken können und überlegen wie wir die umsetzen. Aber ich möchte halt nicht wie in der Uni von morgens bis abends Zielgruppen definieren und Konzepte und Strategien ausarbeiten, das sollen dann lieber andere machen (lacht). Ich bin der Meinung man muss die Musik machen, die man macht, dann kommen entweder Leute oder nicht, aber die Leute, die kommen und zuhören, das ist die Zielgruppe. Man kannvielleicht fünf Jahre später sagen „ah, jetzt weiß ich, was meine Zielgruppe ist“, aber man kann vorher keine festlegen. Bei mir kann man auch nicht so richtig eine erkennen. Klar, es ist ein großteilig weibliches Publikum, aber auch altersmäßig kann man das kaum eingrenzen. Mir schreiben 50, 60-jährige Herren ins Gästebuch, die ganz begeistert sind (lacht), aber auch kleine Mädchen und Jungs, das ist das Schöne daran.

Wo siehst Du Dich denn derzeit in Deiner Karriere?
Ich sehe mich nach wie vor ziemlich am Anfang, aber mittlerweile ist eine Tendenz abzusehen. Nämlich die, dass es Schritt für Schritt weitergeht. Ich bin gefühlt noch lange nicht am Ende. Was ich schon sagen kann, ist, dass ich, seit ich Musik mache, zufrieden bin. Wenn es jetzt stagnieren würde, wäre ich wahrscheinlich nicht frustriert, sondern würde sagen: „Hey, ich kann von der Musik leben, der Kühlschrank ist einigermaßen voll und ich bin von morgens bis abends glücklich.“ Aber wenn mir jemand einen Echo geben will, dann mach ich natürlich nicht irgendwie einen auf Marcel Reich-Ranicki, den nehm ich dann gerne (lacht).


>Termine: 17.9.-13.12. u.a. Kiel, Recklinghausen, Hamburg, Husum

BACKGROUND: JOHANNES OERDING
Johannes Oerding studierte nach dem Abitur zunächst Internationales Marketing in den Niederlanden, widmete sich aber bald2 ganz der Musik. Der gebürtige Rheinländer zog nach Hamburg und stellte als Sänger der Soullounge sehr schnell seine Livequalitäten unter Beweis. Im August unterschrieb er einen Plattenvertrag bei Columbia Deutschland, wo sein Album „Erste Wahl“, das bereits Anfang 2009 beim Label Flash Records erschienen war, wiederveröffentlicht wurde. Ab September ist der 27-Jährige auf seiner ersten Solotour unterwegs. Der Erfolg deutet sich bereits an: Das erste Konzert in Hamburg war nach kurzer Zeit ausverkauft, weshalb ein Zusatztermin rasch folgte. nk


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