Unbeirrbar moralische Komik: „Pünktchen und Anton“ in Hannover

Hannover (fis) – Das Leben ist ungerecht. Auch und gerade zur Weihnachtszeit. Die einen sind reich und kaufen ohne Unterlass albern überflüssige Markenartikel, die anderen kommen gerade so über die Runden. Muss ja nicht so bleiben, denken Pünktchen und Anton!

Im Weltwirtschaftskrisenjahr 1931 schrieb Erich Kästner im Stile der neuen Sachlichkeit einen der ersten Großstadtromane für Kinder und Jugendliche. Auf dem Theater duften die Dramatisierungen immer wieder nach süßer Sozialromantik – oder geben sich super modern, zeigen Pünktchen als wohlstandsverwahrloste Zicke und Anton als jungen Weißrussen, der illegal in Deutschland lebt. In Hannover wird beides vermieden. Christina Rast (Regie) und ihre Schwester Franziska (Ausstattung) setzen auf historische Distanz und zeitgemäße Aktualisierung, auf Theaterzauber im Retro-Look und Rockmusical-Energie. Sowie auf ganz viel Humor – bis ins kleinste Details. Da die Handlung von der Spree an die Leine transferiert wurde, spielen Szenen auch auf Hannovers zentralem Kröpcke-Platz. Tauben wurden dazu auf einen Bühnenbildprospekt gemalt: Sie sind schmökernd in einen Ratgeber vertieft, der den Titel trägt: „Auf Leute scheißen“.

Dazu bietet sich das volkswirtschaftlich bevorzugte Leben in Hannovers Zoo-Viertel an, wo Pünktchens Familie wohnt. Papa Pogge ist Direktor von irgendwas, geizig und hat keine Zeit für sein Kind. Mama Pogge ist eine Shopping-Schnepfe, Migräne-Darstellerin, Theatergängerin, achtet mit eitlem Getöne auf biologische Ernährung und hat auch nie Zeit für ihr Kind. Die Darsteller erkunden dabei mit großem Spaß die Grenzen der Karikatur. Anton lebt hingegen in so einem tristen Hartz-IV-Mietshaus, sein Nachbar ein Trinker, seine Eltern: getrennt. Während bei Kästner ein Rührstück mit allein erziehender Mutter anhebt, bewältigt Anton in Hannover mit seinem kranken Vater („Du blödes Tier Krebs“) den Alltag und erlebt das Jugendamt ganz realistisch: nicht an der Not der Kinder interessiert, nur an Entscheidungen, die möglichst wenig Arbeit machen. Dem Vater soll die Erziehung des Sohnes aus der Hand genommen werden, da dieser Geld zu den Almosen der Ämter hinzuverdienen muss – wie bei Kästner mit dem Verkauf von Schnürsenkeln. Kunden sind in Hannover die „Pünktchen und Anton“-Zuschauer.

Quicklebendig und mit Stummfilm-Slapstick wird die Handlung vorangetrieben. Pünktchen (Julia Schmalbrock) ist eine kesse Göre mit dem Herz am rechten Fleck, aufgeweckt, zart altklug, schnippisch und verspielt energiebündelig. Anton (Jakob Benkhofer) ist schon bei Kästner allzu gutmenschlich angelegt, überzeugt in Hannover aber mit Jungencharme und Vitalität. Zum Hauptdarsteller avanciert Dackel Piefke: Katja Gaudard gibt ihn als eine Mischung aus Snoopy und Hofnarr. Er ist immer auf der Höhe des Geschehens, gestisch und mimisch die Handlung ironisch kommentierend oder voller Empathie mitleidend. Gern aber auch lustvoll ausbüchsend zu anarchischer Unsinn-Treiberei.

Alles wirkt herrlich schrill im zweidimensionalisierten Comic-Design: Kein Requisit ist, was es scheint, alles wurde auf Sperrholz gemalt und ausgesägt. Beeindruckend und beredt auch die Bühnenprospekte aus Kinderperspektive! Etwa der Bankettsaal und die Bibliothek der Pogges. In ihrer ganzen Protz-Monstrosität von schräg unten gemalt, so wirken die Bücherwände überdimensional einschüchternd – wie auch die pompöse Autorität der gewaltigen Gemälde und riesigen Türen. Ganz in echt steht zudem auf der Bühne ein endlos lang erscheinender Tisch, an dem sich Pünktchens Eltern ihre spärliche Kommunikation zubrüllen müssen. Viel Geld regiert hier, viel Distanz zueinander.

Auch die fordernde Moral von der Geschicht’ ist in ihrer Unbedingtheit der Kinder-/Jugendperspektive geschuldet. Während sich bei Kästner am Ende Großkapital und Arbeiterklasse respektvoll die Hände reichen, appelliert die Aufführung: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ Pünktchen und Anton übernehmen Verantwortung, helfen sich gegenseitig, üben unbeirrbar Solidarität – und tricksen dabei die engstirnigen Erwachsenen aus. Ganz ohne Sozialkitsch, kindergerecht und scharfsinnig beteiligt sich das Schauspiel Hannover auch mit dem weihnachtlichen Familienstück am gesellschaftlichen Diskurs über soziale Ungleichheit. „Deine moralische Anstalt“ nennt sich das Theater so herrlich altmodisch-modern.
fis / eventim / live-check

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