CALLEJON im Interview zum brandneuen Album „Wir sind Angst“

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Hamburg (bf) – Achtung, hier kommt eins der besten Metal-Alben in 2015! Da legen wir uns jetzt schon fest – komme, was wolle. Mit ihrem sechsten Longplayer „Wir sind Angst“ machen „die glorreichen Fünf von Callejon“ in puncto Songwriting und Lyrics noch mal einen mächtigen Schritt nach vorne und werden damit sicher nicht nur im deutschsprachigen Raum viele neue Fans gewinnen.

In der bandnamengebenden „Sackgasse“ sind die Düsseldorfer ohnehin nie gelandet und haben sich stattdessen mit grandiosen Live-Auftritten und immer besser werdenden Alben kontinuierlich nach oben gearbeitet: Mit ihren ersten beiden Werken „Willkommen im Beerdigungscafé“ und „Zombieactionhauptquartier“ noch dezent in der traditionell konservativen Metal-Szene belächelt, schaffte es bereits ihr Drittling „Videodrom“ auf Platz #31 in den Charts und wurde von den darauffolgenden Scheiben „Blitzkreuz“ und „Man spricht Deutsch“ noch getoppt, die beide die Top10 knackten.

Wer wissen will, wie der Metal von heute und morgen klingt, muss diese Band kennen. Und wer mal wieder eine Live-Show sehen will, die einen wie ein Hurricane durchpustet und absolut selig zurücklässt, muss sich Tickets besorgen: Im Februar und März sind Callejon mit ihrem neuen Album auf Tour.

Gitarrist Bernhard sprach mit uns über „Wir sind Angst“ und dessen aufwühlende inhaltliche Hintergründe.

„Wir müssen wieder ein kritisches Bewusstsein dafür entwickeln, was in der Welt und in unserer Gesellschaft passiert.“

Bernhard, auf eurem neuen Album „Wir sind Angst“ fordert ihr, dass man sich nicht mehr willenlos in das System fügen sollen, in dem wir leben. Wie genau kann der Widerstand aussehen?

Was heißt Widerstand… was wir mit dem Album eigentlich aussagen wollen, ist der Schritt davor: das Sich-bewusst-Machen. Davon, dass nicht alles so gemütlich und perfekt ist, wie es den Anschein hat und wie man sich das gerne einredet. Sondern dass die Zusammenhänge, die soziale Wirklichkeit sind, auf einem System beruhen, das sehr viel Ungerechtigkeit und sehr viel Leid mit sich bringt. Es ist natürlich keine neue Erkenntnis, dass auf der Welt viel Schreckliches passiert, aber wir haben vor allem in der jüngeren Generation ein bisschen die Tendenz beobachtet, dass das alles immer egaler wird. Dass es eigentlich kein kritisches Bewusstsein mehr dafür gibt, was in der Welt und in unserer Gesellschaft passiert. In der Vergangenheit, zum Beispiel in der Generation unserer Eltern, war das ja anders – mit den 68ern gab es eine große gesellschaftliche Protestbewegung. Und irgendwo ist das ein bisschen abhanden gekommen. Mit Sicherheit auch deshalb, weil die ganzen Zusammenhänge der globalisierten Welt viel komplizierter sind und es einem relativ einfach gemacht wird, sich damit nicht zu beschäftigen. Wir glauben, dass es die große Herausforderung unserer Zeit ist, sich damit auseinanderzusetzen. Weil es natürlich nicht so ist, dass das nicht auch Auswirkungen auf jeden Einzelnen von uns hätte.

Audiovisuelle Kostprobe – die (krasse!) Single „Dunkelherz“:

Missstände anzuprangern ist tatsächlich nichts Neues – aber in unserer Zeit über Blumen und Schmetterlinge zu singen, ist ja auch keine Option.

Absolut. Man wird natürlich immer als naiv belächelt, wenn man die Dinge beim Namen nennt und sagt, dass ziemlich viel ziemlich schlecht ist. Wir glauben natürlich auch nicht, dass wir mit diesem Album den Weltfrieden herbeiführen werden. Aber ich glaube, dass es für einen selber – und das gilt auch für uns als Band, als Typen und Künstler – persönlich sehr wichtig war, diese Dinge mal beim Namen zu nennen. Um uns auch selber mal bewusst zu machen, was wir eigentlich machen und in was für einer Gesellschaft wir leben. Wer wir als Einzelpersonen sein wollen, welche Entscheidungen wir treffen und was davon wirklich Sinn macht. Was sind die großen Probleme unserer Zeit und wie verhalten wir uns dazu? Eine Position dazu und ein Bewusstsein dafür zu haben und aufgrund dessen bewusste Entscheidungen zu treffen, ist das Allerwichtigste. Weil die Tendenz dahin geht, dass man sich immer mehr von diesen Entscheidungen abnehmen lässt – und das kann nicht sein.

Aus solch einem Bewusstsein sind in der Musikgeschichte ja meistens auch die größten Bands und Songs entstanden.

Auf jeden Fall! Gerade eine künstlerische Subkultur wie der Metal, wenn wir uns da jetzt mal so allgemein dazuzählen, ist ja auch eine Musikrichtung mit einer ganz dezidiert rebellischen Vergangenheit und eigentlich sehr kritisch. Wir haben aber das Gefühl, dass es gerade da immer weniger gibt, was sich kritisch mit den Themen unserer Zeit beschäftigt. Das ist ein bisschen schade, aber es ist ja auch jedem Künstler und jeder Band selbst überlassen, über Elfen und Hobbits zu singen – und auch jedem Fan überlassen, das gut zu finden. Uns war es halt sehr wichtig, was anderes zu machen, und das haben wir mit dem Album versucht. Natürlich sind wir auch nicht die ersten, die das machen, und natürlich gibt es da auch viele andere Bands, die sich mit solchen Dingen auseinandersetzen, aber ich habe das Gefühl, dass sich so ein Gesamtbewusstsein bei den Bands und Fans nicht mehr so stringent durchzieht. Nicht alle Leute, die Heaven Shall Burn oder auch uns hören, beschäftigen sich unbedingt mit den Inhalten. Ich glaube aber, dass es als Musiker unheimlich wichtig ist, klar Inhalte zu transportieren. Deswegen haben wir „Wir sind Angst“ nicht nur musikalisch, sondern auch textlich sehr direkt und teilweise auch sehr drastisch formuliert. Wir beziehen hier eine klare Position, wie Callejon das in der Vergangenheit eigentlich selten so krass gemacht hat. Das war ein Schritt, der sich für uns als wichtig herausgestellt hat.

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Wider die Angst: Callejon starten in 2015 mit 1000 PS durch

Spontane Gedanken beim Hören des Albums: „Boah, noch poppiger“, zugleich aber auch „boah, noch krasser“.

(Lacht) Ich muss sagen, ich finde das Album nicht so furchtbar poppig, aber wir reden ja eh über kleine Prozente. Ich glaube schon, dass es ein relativ hartes Metal-Album ist, aber ich gebe dir natürlich Recht, dass es auch kein reinrassiges Death-Metal-Album ist. Als „nur Metal“ haben wir Callejon ja auch nie verstanden, das war immer so ein Schmelztiegel und Potpourri aus Musikstilen, die wir gut finden. Das variiert dann natürlich auch mal von Song zu Song und von Album zu Album. Wir wollten diesmal ein sehr direktes und kompromissloses Album abliefern, das auf den Punkt gebracht ist.

2013 habt ihr einen großartigen Gig beim Wacken hingelegt und die Masse komplett mitgerissen – was für „eine Band wie euch“ dort ja nicht unbedingt selbstverständlich ist. Wie habt ihr den Auftritt in Erinnerung?

Wir wussten eigentlich überhaupt nicht, was uns da erwarten würde. Es war Sonntag, alle Leute hatten schon drei Tage Festival hinter sich und wahrscheinlich auch einen ordentlichen Kater, und wir haben da um 12 Uhr auf der großen Bühne gespielt. Wir sind nie davon ausgegangen, dass annähernd so viele Leute kommen wie da letztlich waren. Als das Set losging und wir auf die Bühne gekommen sind, haben wir einfach nur mit offenen Mündern gestaunt, weil da einfach nur Menschen waren. Das war total krass und für uns auf jeden Fall auch ein sehr besonderer Moment. Das hat einfach sehr gut gepasst: Der Adrenalinspiegel und die Euphorie waren genau auf dem richtigen Level.

In der „klassischen“ Metalszene gab’s ja immer ein wenig Gegenwind für euch – kann man das so sagen?

Ja, bestimmt. Ich weiß gar nicht, ob das an unserer Musik lag oder eher an dem Image, das uns anhaftete oder immer noch anhaftet. Aber im klassischen Metal hatten wir über einen relativ langen Zeitraum einen schweren Stand, das stimmt. Mittlerweile ist es aber tatsächlich so, dass sich das sehr krass durchmischt: Wenn ich auf eine Headliner-Tour von uns gucke, sind da im Publikum Hardcore-Kids, Emo-Kids, Metal-Leute, Rock-Leute, Gothics und ein paar, die äußerlich gar keiner speziellen Subkultur zuzuordnen sind. Das ist eigentlich total geil, weil wir uns auch nicht auf irgendeine Szene festlegen wollen. Wir sagen natürlich, dass wir Metal machen, weil es das musikalisch im weitesten Sinne ist – aber am Ende des Tages machen wir einfach nur halbwegs harte Gitarrenmusik.

Vor dem Hintergrund finde ich die Metapher „Metal ist Troja und wir sind das Pferd“ aus dem Song „1000 PS“ ziemlich gelungen.

Das ist ja genau so ein Statement zu solchen Positionen, die manche Leue eben haben – von wegen „Das ist nicht der echte Metal“. Keine Ahnung, gibt’s so was wie den echten Metal? Wie definiert man das? So ein Schwachsinn. Metal ist doch eigentlich die kreative Freiheit, das zu machen, worauf man Bock hat. Aber gut, das ist ein anderes Thema. Wir können es natürlich auch nicht jedem recht machen – es wird immer Leute geben, die uns kacke finden, weil wir nicht den wahren Metal machen oder weil wir zu Metal geworden sind oder was weiß ich. Das sind Dinge, die uns keine schlaflosen Nächte bereiten.

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Krasse Themen, krasses Cover: „Wir sind Angst“ spricht Tacheles

Der letzte Song des Albums, „Erst wenn Disneyland brennt“, ist ziemlich mutig – weil schamlos cheesy.

Das ist natürlich schon ein balladesker, ruhiger Song. Wir haben dabei versucht, eine relativ scharfe Diskrepanz zwischen dem aufzubauen, wie sich der Song anhört und was er zum Inhalt hat. „Erst wenn Disneyland brennt, werde ich wieder tanzen“ ist ja der Refrain, und es ist ein sehr verzweifelter und trauriger Text, der den Verlust von kindlicher Unschuld thematisiert: Es wird nie wieder so sein, dass man nach Disneyland fährt und sich dort wohlfühlt, sondern man ist jetzt erwachsen geworden und weiß, dass das alles Bullshit und Schwachsinn ist.

Sprich: Disneyland ist eine Metapher für das, was falsch läuft in unserer Plastikwelt?

Auf jeden Fall. In einem unkritischen Bewusstsein ist das anders – als Kind wächst man ja, wenn alles gut läuft, in dem Glauben auf, dass die Welt schön und alles toll ist. Dass das genaue Gegenteil der Fall ist und die Sachen, die so schön bunt glitzern, eigentlich das wahre Böse sind, wenn man das mal platt auf die Spitze getrieben sagt, ist ja irgendwo eine sehr traurige Erkenntnis.

Trotzdem ist der Song auch irgendwie ermutigend – die Zeile „Stehend stirbt es sich am besten“ ist ein schönes Bild dafür, mutig zu sein und die eigene Angst zu überwinden.

Auch wenn das Album, was Artwork, Texte und Songs angeht, auf den ersten Eindruck relativ düster und hoffnungslos erscheint, ist es das ja nicht. Eigentlich ist es auch für uns persönlich ein Art Befreiungsschlag, denn erst die Sachen, die man ausspricht und sich bewusst macht, kann man überwinden. Und das ist eigentlich auch die Aussage des Albums insgesamt: Nicht vor der Angst zu kapitulieren, sondern zu versuchen, sie zu überwinden und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wenn sich Leute daraus eine Erbauung oder Hoffnung ziehen können, ist das total cool, denn das machen wir selbst auch mit unserer Musik – deswegen machen wir sie ja.

Das klassische „Erkenne dich selbst“?

Ja… das ist ein schwieriges Thema, denn es geht auf dem Album ja nicht so sehr um eine philosophische Selbsterkenntnis oder personale Identität, sondern um ein Bewusstmachen komplexerer Zusammenhänge. Aber das hat natürlich auch sehr viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, und damit fängt es auch immer an. Zu glauben die Welt verbessern zu können, ist wahrscheinlich naiv, aber man kann bei sich selbst anfangen und versuchen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das ist, glaube ich, auch ein notwendiger Schritt dahin, ein glückliches Leben zu führen. Was man sich in die Tasche lügt, macht einen nicht wirklich glücklich, sondern ist nur eine Scheinwirklichkeit.

Audiovisuelle Kostprobe #2 – der Titeltrack „Wir sind Angst“:

Ein ziemlich düsterer Song heißt „Krankheit Mensch“. Ohne dich zum Superterroristen machen zu wollen: Wenn du vor dir einen Knopf hättest, mit dem du in einer Sekunde die Menschheit – dich inklusive – ohne Leid und Qual kollektiv von der Erde tilgen könntest – würdest du ihn drücken?

Wie vermutlich viele Leute, die sich mit solchen Themen beschäftigen, habe ich darüber auch schon nachgedacht. Es gab mit Sicherheit auch Momente, in denen ich gesagt hätte „Ja, würde ich“. Aber ich glaube, ich würde es letztlich nicht tun, weil man ja auch gesehen hat, dass Menschen nicht immer nur Schreckliches machen, sondern dass es auch immer wieder Umwälzungen gibt, von denen vorher eigentlich alle geglaubt haben, dass das unmöglich ist und niemals passieren wird. Dass in Europa die Monarchien abgeschafft werden, hätte vor der Französischen Revolution auch niemand gedacht. Ich glaube, trotz allem und obwohl auf der Welt furchtbar viel Leid und Elend herrscht und viele Leute ganz furchtbare Menschen sind, ist das Leben kostbar – ohne das jetzt irgendwie religiös oder spirituell aufblasen zu wollen. Aber das Leben ist nicht selbstverständlich. Wenn man sich mit Dokumentationen über das Weltall beschäftigt, dann wird einem ja bewusst, wie unwahrscheinlich das alles ist und wie selten Leben überhaupt entstehen kann. Daher darf man die Hoffnung nicht aufgeben.

Was überwiegt nun letztendlich? Angst, Wut oder Hoffnung?

Die Angst ist der Status quo und die Wut die Reaktion darauf. Diese Wut muss man in irgendetwas überführen und sinnvoll kanalisieren, um den Zustand der Angst zu überwinden. Ich glaube, es lässt sich nicht vermeiden, Angst zu haben. Menschen haben Angst, immer, das ist eine Grundempfindung. Aber die Frage ist ja eigentlich: Was macht die Angst mit uns? Lassen wir uns von ihr beherrschen oder können wir sie überwinden? Mit diesem Album versuchen wir, ungerechtfertigte Ängste zu überwinden und einen positiveren Bezug zum Leben zu haben – das ist das, was wir wollen und was eigentlich jeder Mensch will. Jeder Mensch will glücklich sein. Und um das zu erreichen, muss man sich der Angst stellen und sich mit den Dingen beschäftigen, die einem Angst machen.

Danke für den Plausch, Bernhard.

Und nun: Album checken! Tour besuchen!

Callejon Tour 2015

12.02.2014 München – Backstage Werkcallejon-tour-2015
13.02.2014 Karlsruhe – Substage
14.02.2014 Wiesbaden – Schlachthof
15.02.2014 Hannover – Musikzentrum
18.02.2014 Dortmund – Fzw
19.02.2014 Hamburg – Docks
20.02.2014 Dresden – Reithalle
21.02.2014 Berlin – Huxleys neue Welt
26.02.2014 Kassel – Musiktheater
27.02.2014 Magdeburg – Factory
28.02.2014 Rostock – Mau Club
04.03.2014 Nürnberg – Hirsch
05.03.2014 Erfurt – Centrum
06.03.2014 Köln – E-Werk
07.03.2014 Saarbrücken – Garage

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Bilder: © Sony Music / Volker Schanz

Ben Foitzik

Nach dem Studium hat Ben als Musik- und Filmredakteur sowie als Konzertfotograf gearbeitet, bevor er 2014 zur EVENTIM-Redaktion stieß. Sein Herz schlägt für harte Klänge und Stromgitarren, außer Rand und Band gerät er bei Kvelertak, Biffy Clyro oder Ghost. Hat Stand heute 5.267 Live-Konzerte gesehen – das irrsinnigste: Rammstein. Wird noch seinen Enkeln erzählen, dass er mal Ozzy Osbourne interviewt hat. „Ist ja gut, Opa, aber MACH MAL DIE MUSIK LEISER!“

Ein Kommentar

  1. Tolles Interview. Hat sich sehr schön gelesen und zeigt, dass hier nicht bloss „haudraufwienixe“ am Werk sind, sondern richtige Künstler die mit Leib und Seele hinter Ihrer Musik stehen. Genau deswegen sind die Jungs auch meine liebste Band.

    Und ich hoffe Inständig, dass sie ein DIN A0 Plakat vom Wir sind Angst Artwork auf der Tour verkaufen, denn ich muss es dringend an meine Wand bannen.

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