Die Messe ist gelesen: GHOST spielen die perfekte Show in Hamburg

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Eine dichte Weihrauchwolke umhüllt das Publikum in der Hamburger Markthalle – heilige Messe? Nein, ganz im Gegenteil: Ghost-Messe! Die schwedischen Okkultrock-Überflieger, die mit ihrem aktuellen dritten Studioalbum „Meliora“ eins der faszinierendsten Metal-Alben des Jahres 2015 abgeliefert haben, halten an diesem Abend in der Hansestadt eine ihrer berüchtigten Audienzen ab. Im wahrsten Sinne des Wortes: Kult!

Fangen wir hinten an: Egal, mit wem man nach der gut anderthalbstündigen Show, Verzeihung, Messe spricht, ob an der Theke, in der Raucherlounge oder am Merch-Stand – die Meinung ist einhellig: Konzert des Jahres! Warum? Sind ein paar maskierte Musiker und ein mit weiß-schwarzem Facepaint bemalter Sänger in Papst-Robe und mit Mitra auf dem Kopf nicht nur ein billiger Mummenschanz?

Ghost: so geht Entertainment!

Normalerweise müsste man ganz klar sagen: ja. Doch Ghost sind nicht normal. Schon von Anfang an – seit ihrem gefeierten Debütalbum „Opus Eponymous“ von 2010 – funktioniert diese Band anders als alle anderen. Musikalisch schwimmen die Schweden auf der Okkult-Rock-Retrowelle mit, die seit ein paar Jahren durch die Szene geistert, setzen sich mit ihren eingängigen Songs aber deutlich von der Masse ab. Auch Rockhymnenschmied und Foo-Fighters-Kopf Dave Grohl ist ein erklärter Fan der Band und hat zum Beispiel ihre EP „If You Have Ghost“ produziert – und darauf gleich auch mal ein paar Gitarren- und Schlagzeugparts eingespielt. Gerüchten zufolge soll der große Dave sogar schon bei einigen Live-Auftritten von Ghost hinter einer Maske am Schlagzeug gesessen haben. Nur ein Mythos? Wer weiß!? Bei dieser Band ist irgendwie alles möglich.

Apropos Maske: Auch in puncto Selbstinszenierung setzen die anonymen Bandmitglieder neue Maßstäbe. Alle Musiker verstecken sich seit Jahren erfolgreich hinter uniformen Masken und Kutten, während der Sänger als gruseliger Anti-Papst verkleidet auftritt und nach jedem Album ausgetauscht wird. An die Stelle des Abgedankten tritt dann stets ein neuer „Papa Emeritus“ – aktuell leiht Papa Emeritus III. den Ghost-Hymnen seine Stimme. Und nicht wenige finden, dass er der bis dato beste Sänger der Band ist.

Definitiv ist er ihr nahbarster – auch hier unterscheiden sich Ghost von den üblichen Geisterbahnkapellen des Metalgenres: Ihr Anführer scherzt auf der Bühne, unterhält die Menge mit seinen charmanten Ansprachen und verhindert so, dass das inszenierte Ritual durch Möchtegern-Ernsthaftigkeit zum Kasperletheater verkommt.

Eine Rockhymne jagt die nächste

Nachdem in der Markthalle gefühlte 20 Minuten lang Sakralgesang und Gregorio Allegris „Miserere“ durch den weihrauchgeschwängerten Saal gehallt sind, entern die fünf „Nameless Ghouls“ und ihr gegenwärtiger Papa Emeritus die Bühne und beginnen ihr Set mit dem „Meliora“-Auftakt „Spirit“ und „From The Pinnacle To The Pit“. Schon hier zeigt sich, dass Ghost nicht nur große Songs und ein kultiges Image haben, sondern auch eine famose Live-Band sind. Die Hymnen, die Performance, der Weihrauch – Weltklasse! Wenn diese Band so weitermacht, spielt sie in ein paar Jahren als Headliner auf jedem großen Metalfestival. Auch wenn das Sänger-Austausch-Prinzip natürlich immer eine gewisse Unwägbarkeit mit sich bringt.

Mit „Ritual“ folgt der größte Hit ihres Debütalbums, auf dem Ghost schon damals ihr immenses Hymnenpotenzial andeuteten. Auch die größten Hits des Zweitwerks „Infestissumam“ von 2013 sind natürlich im Programm: „Per Aspera Ad Inferi“, „Jigolo Har Megiddo“, „Body and Blood“ oder das geniale „Year Zero“ entfalten auch live ihren magischen Zauber und holen die Menge ab. Die überragendsten Songs kommen aber vom aktuellen Album: „Cirice“, „Abslution“, Mummy Dust“ und der Überhit „He Is“ sorgen dafür, dass ein Großteil der Anwesenden Gemeinde am nächsten Tag heisere Kehlen haben wird. Beim Roky-Erickson-Cover „If You Have Ghosts“ gibt es dann selbst für die eisernsten Mitsing-Verweigerer kein Halten mehr.

Hier zum Genießen eine Akustik-Version des Songs:
https://youtu.be/Wi8TU81YYnU

Höhepunkt des sakralen Okkult-Rock-Gruselkabinetts: Papa Emeritus schickt zwei hübsche junge „Nonnen“, die sich im Vorfeld bei der Band bewerben durften und von Stadt zu Stadt wechseln, in die Menge, um dort Wein und Hostien an die ersten Reihen auszuteilen. Papas gutgemeinte Warnung an die Herren der Schöpfung: nur Kommunion empfangen, „nicht antatschen“! Absolut kultig.

Man kann es nur immer wieder sagen: „If you have Ghost you have everything.“

Im Februar schauen Ghost im Rahmen ihrer „Black To The Future Tour 2016“ für ein paar weitere Shows in Deutschland vorbei. Es ist Zeit, mal wieder zur Messe zu gehen!

Bild: Ben Foitzik


TICKETS

Tickets für Ghosts „Black To The Future Tour 2016“ gibt es auf eventim.de.


Ben Foitzik

Nach dem Studium hat Ben als Musik- und Filmredakteur sowie als Konzertfotograf gearbeitet, bevor er 2014 zur EVENTIM-Redaktion stieß. Sein Herz schlägt für harte Klänge und Stromgitarren, außer Rand und Band gerät er bei Kvelertak, Biffy Clyro oder Ghost. Hat Stand heute 5.267 Live-Konzerte gesehen – das irrsinnigste: Rammstein. Wird noch seinen Enkeln erzählen, dass er mal Ozzy Osbourne interviewt hat. „Ist ja gut, Opa, aber MACH MAL DIE MUSIK LEISER!“

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