Indie-Poet BOSSE im Interview
zum neuen Album „Engtanz“

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Am 12. Februar 2016 – fast drei Jahre nach „Kraniche“ – veröffentlicht Axel „Aki“ Bosse endlich sein sechstes Studioalbum, das er auf den griffigen Namen „Engtanz“ getauft hat. Wir trafen den sympathisch unprätentiösen Musiker in Hamburg auf einen Plausch über sein mit Spannung erwartetes neues Werk.

Um es schon mal vorwegzunehmen: „Engtanz“ ist ein ganz und gar famoses Album, mit dem sich Bosse wohl endgültig auf dem deutschen Singer-Songwriter-Thron platzieren dürfte. Für sein sechstes Werk hat der Wahlhamburger und einstige Hyperchild-Sänger, der 2005 sein Solo-Debüt „Kamikazeherz“ veröffentlichte, wieder die Gitarren aus- sowie den Berliner Kneipenchor eingepackt und eine zwischen bittersüß-melancholischen Balladen und schmissigen Rockernummern pendelnde Platte eingespielt, auf der auch sein Kumpel Casper bei einem Track mitmischen durfte.

Warum Bosse eine Weinbergschnecke ist, auch auf dem Dixiklo ein Album schreiben könnte, Ryan Adams beneidet und sich jetzt eine Pulle Rotkäppchensekt aufmacht, obwohl er nicht tanzen kann…erfahrt ihr HIER:


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Aki Bosse:

„Für jede gute Zeile oder jeden guten Song sollte man sich eine Pulle Rotkäppchen-Sekt aufmachen.“



Hallo Bosse – wie geht’s?
Mir geht’s gut. Richtig gut!

Es lief ja auch gut in den letzten Jahren für dich. Immer schön kontinuierlich nach oben.
Irgendjemand von der Journaille hat mich mal „die Weinbergschnecke der deutschen Musiklandschaft genannt“. Das ist jetzt mein sechstes Album, was ich echt krass finde. Das hätte ich nicht gedacht, als ich mit dem „Kamikazeherz“ angefangen habe. Aber in dem Geschäft geht es auch viel um Demut. Ich erinnere mich oft zurück und freue mich mehr über Sachen, die passieren, als es die Leute glauben.

War es im Nachhinein betrachtet ein Vorteil, dass es für dich nicht gleich von 0 auf 100 durch die Decke gegangen ist?
Ich weiß es nicht, aber ich kenne die Lösung auch nicht. Ich finde es manchmal ein bisschen fraglich, dass jemand, der superjung ist und noch nicht so richtig gespielt hat, gehypt wird und durch die Decke geht – das ist ganz schön schwierig, weil es automatisch auch wieder abnimmt. Aber ich und meine Truppe, wir wissen schon, wo wir herkommen und wo wir hingehören – in die Gosse (lacht). Nee, so war das jetzt gar nicht gemeint, aber dieses Sprinter-Gefahre, im Etap-Hotel-Gepenne, dass es erst mal auch niemanden wirklich interessiert und man dafür arbeiten muss und dass man dann trotzdem Bock drauf hat… das habe ich in den ersten fünf Jahren durchgemacht. Deswegen haben wir uns natürlich gefreut, als es irgendwann größer wurde. Wir freuen uns auch heute noch über jeden, der kommt. Wirklich.

Muss man das als Musiker einfach auch mal durchgemacht haben, um diese Demut dem Beruf und dem Erfolg gegenüber zu entwickeln und alles besser einordnen zu können?
Für mich ist das durchaus hilfreich. Ich bin jetzt 35 und manchmal denke ich, ich würde auch weiter Musik machen, wenn es wieder so wie am Anfang wäre. Man darf eben einfach nicht so verwöhnt sein, das ist glaube ich das Wichtigste.

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Hat Demut: Bosse (Bild: Benedikt Schnermann Vertigo Berlin)

Ist es jetzt schwierig, die Erwartungshaltung zu „Engtanz“ zu drosseln? Das letzte Album war schließlich dein erfolgreichstes.
Ja, aber das hängt auch immer mit so vielen Sachen zusammen. Es geht nicht darum, irgendwas zu toppen oder so. Für mich ist das ganz klar ein 30-Jahres-Plan: Ich weiß, dass ich immer mein Bestes gebe, aber ob ich da jetzt noch mal so einen „Hit“ habe wie „Schönste Zeit“, der ja schon dazu beigetragen hat, dass „Kraniche“ so gut lief, weiß ich nicht. Ich habe da einfach keine Erwartungshaltung, davon muss man sich auch freimachen. Ich bin immer erst mal froh, wenn ich ein Album geschrieben habe, bei dem ich sage „Alter, krass, du hast jetzt dein sechstes Album geschrieben – herzlichen Glückwunsch!“ Und was dann damit passiert, ist mir in dem Moment eigentlich egal, weil ich mich erst mal über jeden Song freue, den ich schreiben kann. Wirklich. Weil das auch alles nicht so einfach ist.

War das neue Album besonders schwierig?
Jedes Album war bis jetzt immer schwierig. Außer „Taxi“ – das ist mir so leicht gefallen, das habe ich in zwei Monaten geschrieben. Diesmal war das aber wieder anders. Superviel weggeschmissen, superviel gehadert und gezweifelt. Ganz schön viel Zeit mit mir alleine verbracht, ein bisschen asozial gewesen… das gehört aber alles mit dazu. Ich habe aber auf jeden Fall sehr viel dafür gearbeitet.

Als Nicht-Musiker könnte man sich vielleicht denken „Ach, nach fünf Alben weißt du doch, wie der Hase läuft – dann hast du genau deine Wohlfühlorte und weiß genau, wo du hin und was du tun musst“.
Bei mir geht es meistens eigentlich eher darum, die Wohlfühlorte zu brechen. Ich weiß schon, wo ich mich wohlfühle, aber irgendwie habe ich keinen Bock auf Wiederholungen und ich habe keinen Bock darauf Tricks anzuwenden. Klar, man muss sich auch irgendwann wiederholen, weil es gar nicht so viele Sachen auf der Welt gibt, über die man gerne singen möchte. Aber ich habe mir dieses Mal gedacht „Okay, wenn ich noch mal texte und überhaupt noch mal ein Album machen will, was ich selber richtig gut finde, dann muss ich irgendwie tiefer gehen und gucken, wo ich gerade stehe.“ Und dann habe ich eben einfach beschrieben, was ich gerade so bin. Das habe ich bis jetzt auch so noch nicht gemacht: wahre Gefühle auszudrücken oder den Ist-Zustand zu beschreiben ohne viele Geschichten zu erzählen. Beim Texten hat mir das gar nicht mal so gutgetan, weil ich schon auch mal gucken musste, was mit mir so ist. Leute oder Situationen zu beschreiben, das kann ich in zehn Minuten machen, weil das ein sozialer Blick auf irgendwas ist. Aber über sich selber so tief zu schreiben, da muss man schon ein bisschen gucken, wie interessant oder uninteressant man ist. Ob man schlecht oder gut drauf ist. Ob man jung oder alt ist. Was man noch so will.

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Auf seinem neuen Album probt Bosse den „Engtanz“ mit sich selbst (Bild: Benedikt Schnermann Vertigo Berlin)

Du hast das Album in Umbrien fertiggestellt – ein Ort der Inspiration für dich?
Ich fahre da eigentlich immer nur hin, um Ruhe zu haben und Sachen fertig zu machen. Geschrieben habe ich die meisten Sachen schon in Deutschland und auch auf Tour. Aber zum Fertigmachen ist es manchmal gut, dass man einfach keinen Handy-Empfang hat und dass man der Familie und so Bescheid sagt „Passt auf, die nächsten zwei Wochen bin ich nicht da – aber wenn ich dann da bin, dann bin ich auch richtig da und nicht nur so halb“. In Umbrien ist nicht so viel: Da sind zwei Steinhäuser auf einem Berg, daneben ist ein Tabakfeld und dahinter noch ein Wald. Dann stehen wir morgens um 8 auf und arbeiten manchmal 17 Stunden. Eigentlich macht man da nur Musik und ich kann die Songs dort fertigmachen. Ich habe immer das Gefühl, dass ich dort in zwei Wochen so viel schaffe wie in Deutschland in einem halben Jahr.

Aber du brauchst generell keinen fernen Ort, um Songs schreiben zu können.
Nein, nur zum Fertigmachen. ‘Ne Idee ist ‘ne Idee und die kannst du zur Not auch auf’m Dixiklo schreiben oder so. Allerdings haben es sich einige Maler und auch Goethe und Schiller auch immer ganz schön nett gemacht. Wenn man mal in Jena oder Weimar war und geguckt hat, wie die gelebt haben, dann denkt man schon so „Ihr Schweine, ihr hattet es richtig schön!“ (Lacht). In Umbrien möchte ich mich auch manchmal ohrfeigen und mir sagen „Alter, jetzt geh zurück ins Jugendzentrum!“ Dort ist das Licht schön, die Umgebung ist superkrass und die Natur ist da, dort kommt man zur Ruhe und auch noch mal auf gute Ideen, das stimmt schon. Nur erlebt haben muss man es irgendwie, anders geht es nicht. Aber ein bisschen was machen solche Orte schon mit einem.

Hat man da manchmal auch Angst, dass man gar nichts mehr in sich tragen und nichts Neues mehr zu sagen haben könnte?
Jaja! Das ist auf jeden Fall so. Für jede gute Zeile oder jeden guten Song sollte man sich eine Pulle Rotkäppchen-Sekt aufmachen. Weil’s einfach wirklich ein purer Grund der Freude ist. Denn wenn’s so einfach wäre, würden alle Künstler, die ich kenne, am liebsten drei Alben im Jahr machen. Aber das geht eben nicht, denn egal wieviel man schon gemacht hat und egal wie alt man ist, es ist eben nie leicht. Es gibt ein paar Außergewöhnliche wie Ryan Adams zum Beispiel, der im Jahr zwei oder drei Alben rausknallt – ich verstehe es nicht, der muss irgendwas in sich tragen, da ist irgendwas verruckelt oder so, weil es halt auch immer ziemlich gut ist. Aber alle anderen, die ich kenne, für die ist es nicht so leicht.

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Dieser Mann darf sich gleich ’ne Pulle Rotkäppchensekt aufmachen (Bild: Benedikt Schnermann Vertigo Berlin)

Ist es eigentlich auch für einen deutschen Musiker heutzutage so, dass man eher durchs Touren als durch eine Albumproduktion seine Brötchen verdient?
Ja, das ist glaube ich so. Es gibt so drei oder vier Einnahmequellen – und ‘ne Platte machen gehört da nicht so dazu. Manchmal bekommt man vielleicht Vorschüsse oder man schafft es eben, das Geld, das die Plattenfirma ausgegeben hat, wieder einzuspielen, dann verdient man damit auch durchaus. Aber ich bin auch eher Live-Künstler, glaube ich.

Und das ist auch nach wie vor erfüllend für dich?
Ja, es ist auf jeden Fall das Entspannteste von allem, abgesehen davon, dass es manchmal auch ein wenig auf den Körper geht. Generell ist das Musikmachen für mich aber total unanstrengend – außer dass ich viel schwitze und mir nach 30 Konzerten denke „Alter, ich muss in Quarantäne“. Es hat eben nicht so viel mit Kopfarbeit zu tun, man kann sich weghauen und ist irgendwie im Moment, das sind ganz viele tolle Aspekte. Man haut Adrenalin raus wie nichts, bekommt Applaus, die Leute fühlen etwas dabei… das ist schon super.

Auch wenn der Albumtitel gar nicht so viel mit dem physischen Tanzen zu tun hat – bist du ein guter Tänzer?
Nee, nee. Ich würde eigentlich gerne mal wieder. Aber irgendwie ist das nichts für mich, tanzend sehe ich aus wie Scheiße, das geht gar nicht. Ich habe auch echt so krasse O-Beine…

Zum Glück sieht man das beim Engtanz eh nicht so gut. Danke für das Gespräch, Aki – wir kaufen deine Platte und sehen uns auf Tour!


Achtung, Kostproben! Der Albumplayer zu Bosses „Engtanz“:

Und hier das Video zu „Steine“:

Bilder: Nina Stiller (oben), Benedikt Schnermann Vertigo Berlin


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Ihr wollt Bosse live und in Farbe erleben? Kein Problem: Tickets für seine große „Engtanz“-Tour gibt es auf eventim.de.


Allgemein

Ben Foitzik

Nach dem Studium hat Ben als Musik- und Filmredakteur sowie als Konzertfotograf gearbeitet, bevor er 2014 zur EVENTIM-Redaktion stieß. Sein Herz schlägt für harte Klänge und Stromgitarren, außer Rand und Band gerät er bei Kvelertak, Biffy Clyro oder Ghost. Hat Stand heute 5.267 Live-Konzerte gesehen – das irrsinnigste: Rammstein. Wird noch seinen Enkeln erzählen, dass er mal Ozzy Osbourne interviewt hat. „Ist ja gut, Opa, aber MACH MAL DIE MUSIK LEISER!“

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