BÜLENT CEYLAN – das ernste Interview

bülent ceylan tickets 2016

„Bülent wird von Show zu Show besser und genialer“, „Bauchweh vor lauter Lachen“, „eine gute Mischung aus Humor und Anregungen zum Nachdenken“ – die ersten Publikumsreaktionen zu Bülent Ceylans neuem Programm KRONK sind größtenteils überschwänglich. Obwohl es wie immer massenweise Zwerchfellattacken gibt, widmet sich Bülent diesmal aber auch ernsteren Themen, namentlich der Flüchtlingskrise. Im zweiten Teil unseres Interviews redet der Comedian nun Tacheles.

Hat uns Bülent Ceylan neulich noch die Hintergründe von KRONK erklärt (Verpasst? Hier geht’s zum ersten Teil unseres Bülent-Ceylan-Interviews), geht es diesmal ans Eingemachte: Der Comedian, der als Deutsch-Türke naturgemäß viel über rassistische Anfeindungen und erfolgreiche Integration zu sagen hat, bezieht Stellung zur größten Herausforderung, die Deutschland seit langem zu bewältigen hat. Und findet deutliche Worte für den grassierenden Fremdenhass.


bülent ceylan kronk tickets 2016-thumb

Bülent Ceylan im Interview, Teil 2:

„Ich möchte später mal sagen können,
dass ich mich gewehrt habe.“



Bülent, dein neues Programm „Kronk“ hat auch eine politische Schlagseite. Wolltest du in Zeiten wie diesen bewusst Flagge zeigen?
Ich finde das auch mal wichtig jetzt, und man kommt als Komiker auch nicht dran vorbei – Dieter Nuhr macht das ja sehr stark in diese Richtung. Ich bin immer noch Comedian, aber ich zeige jetzt da und dort auch Haltung. Das kommt glaube ich ganz gut an, und die Leute sagen „Gut, dass du darüber redest und zeigst, dass man Menschlichkeit bewahren soll“. Das ist auch die Message vom Programm. Man sagt ja immer, dass das neue Programm das beste ist, aber ich habe das Gefühl, dass es diesmal ein sehr reifes Programm ist. Sehr wenig Pipikaka-Witze (lacht), sondern auch ein bisschen mit Niveau. Die Mischung macht’s.

Was ist dir bei der ganzen Debatte um Flüchtlinge denn am wichtigsten?
Man darf nicht alle über einen Kamm scheren, egal welcher Nationalität. Das kommt auch in meinem Programm raus. Ich habe auch das Gefühl, dass der eine oder andere Zuschauer sagt „Hey, gut dass du das sagst. Gerade in der jetzigen Zeit, du als Comedian, der viele Leute erreichen kann, auch in der jüngeren Generation – es ist gut, dass du gegen Gewalt und Nazis und für Menschlichkeit eintrittst“. Klar sind Ängste bei der Bevölkerung da, die man auch verstehen kann: „Was passiert da? Was kommt da auf uns zu? Die Politik sagt uns nicht, was wirklich vor sich geht!“ Da kommen Ängste hoch und dann schüren das die ein oder anderen Medien auch noch. Ich sage dann immer „Guckt doch erst mal auf euch selber: Habt ihr Probleme damit? Habt ihr jemanden, der direkt ein Problem macht, oder geht ihr einfach nur mit der Masse?“ Es gibt solche und solche Flüchtlinge. Und es gibt solche und solche Türken. Und nicht alle Deutschen sind Nazis. Da habe ich ein bisschen die Befürchtung, dass es schnell in die Richtung des Pauschalisierens geht.

„Bestraft die, die es getan haben.“

Als Deutsch-Türke stehst du momentan vielleicht noch ein wenig mehr im Fokus. Siehst du dich auch dazu berufen, die grassierende Xenophobie ein wenig aufzulockern?
Ich möchte einfach nicht pauschalisieren. Ich möchte nicht wie die Masse denken und sagen „Die sind so und die sind so“. Ich habe heute zum Beispiel eine Fotografin getroffen, die in einem Flüchtlingsheim geholfen hat, und die hat gesagt, dass sie überhaupt nicht solche Männer erlebt hat. „Aber wir werden ja nicht gehört“, sagt sie. Natürlich sind da bestimmt auch solche drunter, aber genauso sind auch bei den Deutschen solche drunter, und beim einen Land sind es vielleicht zwei mehr und dort sind es zwei weniger, weißt du, was ich meine? Bestraft die, die es getan haben – und die haben hier eben keinen Platz, das muss man auch ganz klar sagen. Wenn ich in ein anderes Land gehe, gucke ich ja auch, was ich darf und was ich nicht darf – das ist einfach so. Man muss das denen dann eben so klipp und klar sagen. Oder man muss es einfach mal durchführen, und dann schreckt es die anderen eh schon ab: Oh, die Deutschen sind ja doch nicht so „Jo, mal so zwei Wochen Gefängnis“, sondern „Hör mal zu – wenn du dich hier nicht korrekt verhältst, dann hast du kein Asyl mehr“. Das muss die Politik zeigen, das ist meine Meinung. Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube nicht. Alles, was kriminell ist, geht halt einfach nicht. Wer hier Asyl hat und kriminell ist, hat keinen Platz in diesem Land. Aber das ist ja jetzt ein politisches Gespräch… du fragst dich bestimmt auch schon: Hab ich hier jetzt ‘nen Komiker oder was?!

Wer bist du und was hast du mit Bülent gemacht?!
Ja, ich weiß, aber man kam jetzt ja auch so ins Gespräch, und ich mache das ja auch in anderen Interviews. Du merkst schon: Das beschäftigt mich, es bewegt mich, und deswegen ist das in meinem Programm auch Thema.

bülent ceylan tickets 2016

Gestatten: Bülent Ceylan, Unternehmensberater

Kann man sagen, dass „Kronk“ dein politischstes Programm ist?
Ich würde sagen, dass es das gesellschaftskritischste ist. Wie gesagt, es ist nicht so, dass der Zuschauer denken muss „Ach herrje, muss ich jetzt so zuhören, dass ich wirklich alles verstehe?“ Nein, so ist es nicht. Es ist kein politisches Kabarett, das ist ganz wichtig – es ist auch Rock ’n‘ Roll. Aber es ist insgesamt politischer, und das erwarten die Leute mittlerweile auch. Auch Comedy-Freaks sagen „Neee, nicht nur Blödeleien, was hältst du denn davon, was sagst du denn dazu, wie siehst du das denn? Mach doch mal die Luft raus, du kannst das doch – wenn du als Kanake es nicht sagen kannst, wer denn dann?“

„Klappe und raushalten“ ist keine Option für dich, oder?
Weißt du, was ich möchte? Wenn ich irgendwann mal groß bin… also richtig groß… also alt (lacht)… wenn Kinder auf mich zukommen, meine eigenen oder wie auch immer, dass ich dann sagen kann: Ich hab‘ mich damals gewehrt. Das klingt jetzt brutal, was ich sage. Aber wenn ich diese vielen rassistischen Sätze lese, erinnert mich das an etwas. Irgendwann wird ja auch mal die Jugend danach fragen: „Ja, haben Sie denn was dagegen getan? Haben Sie mal den Mund aufgemacht?“ „Ja, habe ich.“ Hier im Interview, in Talkshows und in meinem Programm habe ich den Mund aufgemacht. Ob es was genützt hat, wird man dann in Zukunft sehen. Vielleicht sitze ich dann auch in einem anderen Land und führe dieses Interview, ich weiß es nicht. Aber ich hoffe nicht – ich liebe dieses Land, ich bin hier geboren, meine Mama ist Deutsche, ich fühle mich sehr wohl und ich kenne sehr viele Deutsche, die total Hammer sind. Nur darf ich ja wohl auch mal meine Angst verkünden und sagen „Hey, ich habe so ein bisschen die Befürchtung, dass es momentan sehr rechtspopulistisch wird.“ Und wenn ich dann lese, dass die AfD bei 12 oder 15 Prozent liegt, dann wird’s mir nicht mehr warm ums Herz, dann läuft’s mir eiskalt den Rücken runter. Ich hoffe, es ist nur ein Protest gegen die Politik an sich, nach dem Motto „Schafft mal mehr Klarheit“.

„Ich bin kein Politiker und kein Soldat. Ich versuch’s mit Humor.“

Als erfolgreicher Comedian, der so viele andere erreichen kann, hat man sicherlich auch eine soziale Verantwortung. Andererseits soll Comedy ja auch Comedy bleiben und Alltagsflucht bieten…
… ja, aber ich bin jetzt auch 40, weißte? Ich wollte einfach ein Programm machen, das reif ist und nicht nur Sexhumor hat, sondern wirklich auch Themen, wo jeder sagt „Da kann ich was mit anfangen“.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass man als Komiker vielleicht den einen oder anderen zur Menschlichkeit leiten kann. Du hast also schon das Gefühl, dass du auch die vermeintlich Verlorenen erreichen kannst? Til Schweiger zum Beispiel reagierte neulich ja nach dem Motto „Verpisst euch hier, ihr Rassisten“.
Bringt nichts. Dann schüre ich wieder was. Das ist wie beim Autofahren: Der regt sich auf, ich reg mich auf. Geil. Dann regt sich der noch mehr auf, ich reg mich noch mehr auf. Das bringt nichts. Wie gesagt, ich bin jetzt hier nicht der Erlöser oder irgendwas – auch wenn das manche schon gesagt haben, wenn ich die Haare offen trage… nein (lacht). Weißt du, was ich meine? Ich versuche es im Guten – soweit ich es als Komiker kann. Ich bin Komiker, ich bin kein Politiker und auch kein Soldat. Ich versuch’s mit Humor und auch mit ein bisschen Ernsthaftigkeit hier und da. Ich glaube, dass mich die Leute zwar schon als Comedian sehen, dass sie es mir aber auch abnehmen, wenn ich mal was Ernstes sage. Das merke ich auch beim Publikum: Manchmal lachen die Leute nicht, sondern sie klatschen, weil sie sagen „Danke, dass du das jetzt sagst“. Ich appelliere immer an die Menschlichkeit, und das versteht glaube ich jeder, der irgendwo noch Verstand hat und ein bisschen Herz. Wenn ich einen von zehn, die eine ganz andere Meinung haben, dazu bewege, dass er sagt „Na ja, vielleicht hat der Bülent nicht ganz Unrecht, lass uns noch mal drüber nachdenken“, dann ist schon viel bewegt.

Das ist doch ein gutes Schlusswort.
Dachte ich auch gerade.

Danke fürs Gespräch, Bülent – und weiterhin viel Erfolg mit „KRONK“!

Bilder: Kulturbureau


BÜLENT CEYLAN >>> TICKETS

Ihr wollt Bülent Ceylan live erleben? Kein Problem: Tickets für Bülent Ceylans KRONK-Programm gibt es auf eventim.de.


Ben Foitzik

Nach dem Studium hat Ben als Musik- und Filmredakteur sowie als Konzertfotograf gearbeitet, bevor er 2014 zur EVENTIM-Redaktion stieß. Sein Herz schlägt für harte Klänge und Stromgitarren, außer Rand und Band gerät er bei Kvelertak, Biffy Clyro oder Ghost. Hat Stand heute 5.267 Live-Konzerte gesehen – das irrsinnigste: Rammstein. Wird noch seinen Enkeln erzählen, dass er mal Ozzy Osbourne interviewt hat. „Ist ja gut, Opa, aber MACH MAL DIE MUSIK LEISER!“

Ein Kommentar

Kommentarfunktion geschlossen.