JUPITER JONES im Interview zu „Brüllende Fahnen“

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Jupiter Jones waren nie weg – und sind doch zurück: Auf ihrem neuen Album „Brüllende Fahnen“, dem ersten ohne ihren langjährigen Sänger Nicholas Müller, der die Band 2014 aufgrund gesundheitlicher Probleme verließ, zeigt sich Band aus Hamburg bzw. der Eifel mit ihrem neuen Frontmann Sven Lauer in einem unerwartet rockigen Gewand. Nicht alle „alten“ Fans kommen auf die Abkehr vom Pop klar, aber wer der Scheibe ein paar Durchläufe gibt, wird mit einigen wahrhaft grandiosen Songs belohnt.

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Kurz nach Veröffentlichung ihres sechsten Albums satteln Jupiter Jones dann auch schon wieder die Pferde und gehen ab 20. April 2016 auf „Abgesehen von Discofox herrscht hier Tanzverbot“-Clubtour durch Deutschland. Ihr wollt dabei sein? Auf eventim.de verlosen wir noch bis zum 19. April einen Jupiter Jones Tourpass für zwei Personen, mit dem ihr (inkl. Begleitung) jede Show der „Discofox“-Tour besuchen könnt!

Doch nun zum Interview: Kürzlich trafen wir Gitarrist Sascha Eigner und Bassist Andreas Becker im Band-Headquarter und plauschten mit ihnen über den spannenden „Neustart“ von Jupiter Jones. Leset selbst!


jupiter jones interview thumb

Jupiter Jones:

„Gar nicht so schlecht, was wir
Deppen aus Hamburg machen…“



Eure neue Platte ist jetzt zwei Wochen auf dem Markt – wie lautet eure Zwischenbilanz?
Sascha: Öh…. schwierig (lacht).
Andreas: Sagen wir mal… differenziert. Die Fans finden es entweder super oder kommen gar nicht damit klar. Bei dem Album gibt es anscheinend kein Zwischending.
Sascha: Es gibt aber auch diejenigen, die ein paar Durchläufe für die Platte gebraucht haben. Es ist halt ein Brocken und nicht so ein Ding, das einen sofort anspringt. Wenn man den Musikstil jetzt nicht unbedingt sofort kapiert oder da Bock drauf hat, dann muss man sich damit natürlich schon ein bisschen beschäftigen. Das ist in der heutigen Zeit ein bisschen schwierig, weil die meisten Leute eine Aufmerksamkeitsspanne von drei Sekunden haben. Aber den meisten geht es zumindest so, dass der Groschen irgendwann fällt, wenn sie dem Ganzen ein bisschen Zeit geben.

Zumal sicher auch einige per se sagen „Neuer Sänger? Find ich doof!“ und dem Ganzen gar keine echte Chance geben wollen, oder?
Sascha: Nicht unbedingt. Wir haben ja jetzt auch schon zwei Jahre hinter uns mit Sven und auch den zweiten Platz beim Bundesvision Cong Contest gemacht, wo wir einen Song gebracht haben, der in eine sehr poppige Richtung ging. Und da haben alle geschrien „Um Gottes Willen, wie poppig seid ihr denn?!“ Und jetzt schreien alle „Um Gottes Willen, wo ist der Pop hin?!“ Hauptsache alle schreien immer (lacht).
Andreas: Man hat tatsächlich das Gefühl, dass sich nur noch die zu Wort melden, die schreien wollen. Facebook ist das Hauptmedium, mit dem wir das Album promotet haben – und ich habe das Gefühl, dass die Leute dort eher ihre Unzufriedenheit und ihren Hass rauslassen als dass sich dort die Leute melden, die etwas Positives zu sagen haben.

Aber ihr seid mit „Brüllende Fahnen“ komplett happy?
Sascha: Ich bin total begeistert. Wenn ich mir den Song „Brüllende Fahnen“ und danach einen von Dead Weather anhöre, dann denke ich mir „Gar nicht so schlecht, was die Stylomaten aus Amerika machen und was wir Deppen aus Hamburg machen“ (lacht).

Reinhören: Jupiter Jones – „Faustschlag“

Obwohl das Feedback „differenziert“ ist, habt ihr die Entscheidung, die Band unter dem alten Namen weiterlaufen zu lassen, aber nicht bereut, oder?
Sascha: Nein, überhaupt nicht, Null Komma Null. Wie gesagt: Die Leute, die schreien wollen, schreien sowieso, egal was du machst. Das kann man nicht beeinflussen. Ich finde es auch so furchtbar schade – das ist glaube ich auch so ein deutsches Phänomen – dass alle immer den gleichen Sound haben wollen: Die Band hat mal eine bestimmte Richtung gemacht, und dann muss man immer genau gleich klingen. Was ja totaler Blödsinn ist. Wenn man sich mal unsere erste Platte und dann unsere fünfte Platte anhört – entgegengesetzter kann es fast nicht mehr sein, im Rahmen der Rockmusik natürlich. Als Künstler finde ich es total spannend, neue Dinge auszuprobieren. Ich fände es grottenlangweilig, wie AC/DC, die Ramones oder Iron Maiden jede Platte immer gleich klingen zu lassen. Ich mag AC/DC ja auch, aber mir wäre es einfach zu langweilig. Es hat einfach total Spaß gemacht, die Platte aufzunehmen – und es wird auch total Spaß machen, sie live zu spielen.

Man muss ja auch als Typ ziemlich langweilig sein, wenn man über viele Jahre immer den gleichen Sound fabriziert und sich künstlerisch so gut wie gar nicht weiterentwickelt.
Sascha: Viele haben ja auch einfach Angst vor dem, was wir gerade gemacht haben: Wenn man mal in einer erfolgreichen Schiene war, diese dann zu verlassen und ein bisschen mehr nach rechts und links zu gucken. Aus Furcht davor, dass die Fans das nicht akzeptieren oder viele rumschreien oder man erst mal einen steinigeren Weg gehen muss, um das nach außen zu kommunizieren. Dass das erst mal sacken muss und man nicht immer gleich gefeiert wird und sofort den nächsten Schritt nach oben macht, sondern dass man auch mal zwei, drei Schritte zurückgehen kann oder sogar sollte, um dann zukunftsgerichtet noch mal offener sein zu können. Ich finde, dass uns diese Platte für die Zukunft musikalisch wieder unglaublich viele Türen geöffnet hat.

Habt ihr jetzt quasi aus der Not eine Tugend gemacht? Ihr hattet zum Schluss ja eh schon unterschiedliche künstlerische Vorstellungen als euer alter Sänger Nicholas Müller.
Sascha: Ohne jetzt irgendeinen Sänger beleidigen oder dessen Leistung für die Band schmälern zu wollen: Wer bei dieser Band singt, ist ehrlich gesagt völlig unabhängig davon, wie die Musik klingt. Wir haben immer erst die Musik komponiert und als der Song dann stand, kamen Gesang und Text dazu. Und genauso war es diesmal auch, ich habe jetzt nicht im Hinterkopf gehabt „Sven singt anders und klingt anders, jetzt muss man vielleicht darauf gucken, dass man die Musik anders aufbaut“. Nein, ich gehe ins Studio und mache Musik, die mir gefällt. Und dann kommt ein Gesang und ein Text drauf. Die Art und Weise, wie wir in den zwei Jahren zusammengearbeitet haben, dass wir uns als Band noch mal neu zusammengefunden haben und näher zusammengerückt sind, hat allerdings kreative Schranken geöffnet. Man hat noch mal den Staub abgeklopft und neu geguckt, nach dem Motto „Hey, lasst uns doch mal ohne irgendeine Vorgabe rangehen und mal gucken, was passiert“.

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Kann man sagen, dass ihr euch zwischen Geld und Liebe entschieden musstet? Ihr hättet ja auch auf Nummer sicher spielen können – dann wärt ihr wahrscheinlich künstlerisch frustriert gewesen, aber der Rubel wäre gerollt.
Sascha: Ach, das weiß man nicht. Das ist wieder dieses Ding – hätten wir jetzt eine Ultra-Pop-Platte gemacht, wären die Leute wahrscheinlich auch gekommen und hätten gesagt „ahhhh, es wird ja immer schlimmer mit euch, ihr klingt ja noch softer als Revolverheld!“ Letztendlich muss man meiner Meinung nach das machen, was man cool findet und wirklich als Band vertreten kann. Ich glaube, es gibt da draußen in Deutschland schon noch Leute, die Bock auf coole Rockmusik haben – von daher muss es jetzt nicht unbedingt bedeuten, dass es ein kommerzielles Desaster wird, was wir da gemacht haben. Ganz im Gegenteil, ich glaube, die Platte hat auch sehr viel Pop-Appeal, wenn man sich mal drauf einlässt.
Andreas: Man kann ja auch nicht im Vorfeld sagen, dass man erfolgreich sein wird, wenn man eine reine Pop-Platte macht. Von daher haben wir einfach das gemacht, worauf wir Bock hatten. Aber das haben wir auch vorher schon gemacht. Bei der Platte davor haben die Leute ja auch gesagt „Jetzt biedert ihr euch dem Pop an!“ Und wenn wir beim nächsten Album wieder Bock auf hochtrabenden Pop haben – was ich nicht glaube – dann machen wir es halt wieder.

Wenn man es von außen betrachtet, denkt man sich natürlich schon so „Mensch, die müssen jetzt ja noch mal völlig von vorne anfangen“. Hat euch das auch ein bisschen frustriert oder habt ihr euch einfach dem künstlerischen Weg verschrieben?
Sascha: Du weißt es halt vorher nie – in der Musik kann alles passieren. Da kommt auf einmal aus dem Nichts eine Band wie Kraftclub daher, und auf einmal *bäm!* explodiert alles. Oder AnnenMayKantereit, die auf einmal da sind und mit einem ganz strangen Sound auf einmal dermaßen durch die Decke gehen, dass man es fast nicht fassen kann. Wir haben jetzt nicht erwartet, dass das auch bei uns passiert, aber ich glaube, dass ein Sängerwechsel im kommerzielleren Pop-Rock-Bereich sowieso immer erst mal ein Experiment ist. Insofern musste man eh erst mal damit rechnen, dass man wieder ein paar Stufen zurückgeht.

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JUPITER JONES – Brüllende Fahnen

Wie fühlt sich das an, wenn plötzlich so ein frisches neues Bandmitglied mit an Bord ist? Wie eine neue Liebe, bei der es noch kribbelt?
Sascha: (singt) Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben…
Andreas: Man vergleicht so eine Band ja oft mit einer Liebesbeziehung oder einer Ehe. Von daher fühlt es sich schon ein bisschen so an. Bei Sven war es so, dass es beim ersten Proben mit ihm schon ganz anders war als in den Jahren davor. Da war direkt Feuer drin bei der Probe, das sich dann auch bei dem Festivalsommer, den wir 2014 mit ihm gespielt haben, fortgesetzt hat. Ich weiß nicht, ob es an Sven lag oder an uns oder an irgendwas anderem – plötzlich war ein neues Feuer in der Band, ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl, das wir in der Zeit davor ein bisschen verloren hatten. Eine neue Liebe vielleicht jetzt nicht… aber es hat auf jeden Fall die Liebe, die die Band zusammenhält, wieder neu entfacht.

Ich hab hier noch so ein paar Metaphern in diese Richtung: War die erste Probe ein bisschen wie „Das erste Mal“?
Sascha: So in der Art war das schon – die erste Probe hat natürlich schon über Wohl und Weh entschieden. Ich kannte Sven ja schon ewig, unser Schlagzeuger Marco auch schon lange, wir wussten also, dass das auf jeden Fall menschlich und freundschaftlich passt. Aber wenn man da wirklich zum ersten Mal im Proberaum steht und die alten Songs spielt… da hätte es genauso gut sein können, dass man nach zwei Songs sagt „du, hier müssen wir jetzt abbrechen – das bringt nichts“.
Andreas: Es gab für uns auch keinen Plan B – wenn das nicht funktioniert hätte, hätte das für uns bedeutet, dass es das dann war.
Sascha: Insofern war das schon eine spannende Probe, weil wir alle ziemlich Schiss hatten.

Und „Brüllende Fahnen“ ist nun ein absolutes Liebeskind, oder?
Sascha: Das ist ja eigentlich jede Platte. Es gibt ja immer diese verschiedenen Stadien: Die erste Platte macht man halt irgendwie so. Die zweite Platte ist die wichtigste Platte, sagt man immer, ein Scheideweg. Dann kam bei uns die erste Major-Platte, die ganz wichtig ist. Dann kommt die erste Platte nach dem großen Erfolg, die ganz wichtig ist. Und jetzt kommt dann die erste Platte mit neuem Sänger, die ultrawichtig ist. Es gibt also eigentlich keine unwichtige Platte.

Reinhören #2: Jupiter Jones – „Brüllende Fahnen“

Warum heißt eure kommende Tour „Abgesehen von Discofox herrscht hier Tanzverbot“ – und nicht „Brüllende Fahnen“?
Sascha: Die kommt ja vielleicht noch im Herbst. Das ist jetzt eigentlich so ‘ne Aufwärmtour, die ja auch sehr nah am Album kommt, was man normalerweise auch nicht so macht. Das ist ein bisschen, um warm zu werden mit dem Ding. Das wird auch sehr spannend sein in den kleinen Clubs: Mit dem ganzen Kram auf der Bühne und den Gastmusikern – da wird noch jemand an der Gitarre, zwei Bläser und jemand am Klavier dabei sein – wird es jeden Abend eine Herausforderung sein, das alles aufzubauen.

Mit Sven habt ihr jetzt ja eher den Typ Rampensau am Start – schürt das auch noch mal die Vorfreude auf die Tour, weil da vermutlich richtig die Post abgeht?
Sascha: Wir hoffen natürlich, dass da so richtig die Post abgeht – das ist ja auch der Grund dafür, warum man in so kleine Clubs geht. Sven ist vom Typ her einfach das Gegenteil von Nicholas: Nicholas war eher der Introvertierte und Sven ist einer, der mit offenen Augen auf die Leute zugeht. In die Leute rein, auf die Leute drauf, einer, der von rechts nach links und von oben nach unten rennt. Es wird auf jeden Fall spannend, wie das in so einem kleinen Club wird – das haben wir in so einem Rahmen auch noch nicht gemacht.

Es wäre also ein fataler Fehler, dort nicht hinzugehen?
Sascha: Es wäre ein unglaublich fataler Fehler, dort nicht hinzugehen (lacht).

Jupiter Jones: die „Abgesehen von Discofox herrscht hier Tanzverbot“ Tour:

20.04. Hamburg, Molotow
21.04. Berlin, Musik & Frieden
22.04. Dresden, Beatpol
23.04. Hannover, Faust
24.04. Osnabrück, Kleine Freiheit
27.04. Saarbrücken, JUZ Försterstraße
28.04. Stuttgart, Im Wizemann
29.04. Augsburg, Kantine
30.04. München, Strom
01.05. Wiesbaden, Schlachthof

Bilder: Sven Sindt


JUPITER JONES >>> TICKETS

Ihr wollt Jupiter Jones live erleben? Kein Problem: Tickets für die Tour von Jupiter Jones gibt es auf eventim.de.


Ben Foitzik

Nach dem Studium hat Ben als Musik- und Filmredakteur sowie als Konzertfotograf gearbeitet, bevor er 2014 zur EVENTIM-Redaktion stieß. Sein Herz schlägt für harte Klänge und Stromgitarren, außer Rand und Band gerät er bei Kvelertak, Biffy Clyro oder Ghost. Hat Stand heute 5.267 Live-Konzerte gesehen – das irrsinnigste: Rammstein. Wird noch seinen Enkeln erzählen, dass er mal Ozzy Osbourne interviewt hat. „Ist ja gut, Opa, aber MACH MAL DIE MUSIK LEISER!“