KAYA YANAR im Interview zum neuen Programm „Planet Deutschland“

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„Was guckst du?!“, fragte Kaya Yanar Anfang des Jahrtausends in seiner gleichnamigen Comedy-Show auf Sat.1 – und entwickelte sich binnen kürzester Zeit zum absoluten Kultstar und schließlich zu einem der größten Comedians des Landes. Mit „Planet Deutschland“ präsentiert der Sohn türkischer Einwanderer, der momentan der Liebe wegen in der Schweiz lebt, nun sein heiß erwartetes neues Programm, mit dem er bis Ende des Jahres in Deutschland unterwegs ist.

KAYA YANAR: Ein Comedy-Programm über Deutschland

Obwohl er in der Schweiz glücklich ist, vermisst Kaya Yanar Deutschland sehr. Also präsentiert er nun mit „Planet Deutschland“ das ultimative Werbeprogramm für seine Heimat, in dem er die Eigenheiten von sich und seinen Landsgenossen aufs Korn nimmt. Deutsche „Tugenden“ und Unarten bekommen darin genauso ihr Fett weg wie die wundersamen Dialekte unseres Landes.

Im Interview berichtet Kaya Yanar von den Tücken seines neuen Programms, plaudert Betriebsgeheimnisse aus und erzählt von seinem großen Respekt gegenüber Comedy. Liest du!


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Kaya Yanar im Interview:

„Es gibt keine Lachgarantie.“



Moin Kaya. Dein neues Programm „Planet Deutschland“ kommt bislang ganz gut an, oder?
Ja, läuft gut – es ist ein gutes Thema.

Hast du erst mal durchgeatmet, als du das gemerkt hast, oder weiß man nach 20 Jahren im Geschäft schon vorher, ob ein Programm funktioniert?
Also ich arbeite ja allein – ich habe keine Autoren, Produzenten, Regisseure, nichts…

Ist das ungewöhnlich?
Ich glaube, es ist so 50/50. Es gibt viele Kollegen, die ihr Programm zusammen mit Autoren und Regisseuren schreiben. Das ist ja auch legitim, Hauptsache das Programm wird gut. Letzten Endes interessiert es keine Socke, ob du es allein machst oder nicht. Aber wenn du es allein machst so wie zum Beispiel meine Wenigkeit, dann hast du überhaupt keinen blassen Schimmer, ob es gut ankommt oder die Gags funktionieren. Natürlich hast du auch einen gewissen Erfahrungsschatz nach 20 Jahren auf der Bühne. Mein Kerngebiet sind zum Beispiel Sprachen und Dialekte. Aber das allein ist ja noch nicht witzig, du musst ja irgendwas damit anfangen – was ist das Gesamtthema des Programms? Ich habe mich jetzt halt entschieden, ein „Werbeprogramm für Deutschland“ zu schreiben – was auch nicht so einfach ist, aber zum Glück ist es mir gelungen. Und um noch mal auf deine Frage zurückzukommen: Ja, ich war extremst erleichtert, als die ersten Previews vorüber waren und die Leute es gemocht haben. Denn egal wie lange du auf der Bühne stehst – du bist a) immer nur so gut wie deine letzte Show und b) fängst du immer wieder von vorne an. Es gibt keine Lachgarantie, keine Witzegarantie. Ich sage immer, das ist wie Dartspielen im Dunkeln: Erst wenn das Licht angeht, weißt du, ob du getroffen hast oder nicht. Ist wirklich so.

Wie ist es denn dann nach 50 Shows? Ist es nicht verdammt schwierig, die Spannung über so einen langen Zeitraum hochzuhalten und immer wieder aufs Neue witzig sein zu müssen?
Das ist die zweite Herausforderung. Die erste ist, ein Programm zusammenzukriegen, bei dem du sagst „Das kommt gut an, ich mag das, es macht Spaß das zu spielen.“ Momentan habe ich mit dem neuen Programm etwa 15 Shows gespielt, und ungefähr nach dem zehnten Gig habe ich es da gehabt, wo ich es haben wollte. Jetzt genieße ich das, ich bin noch in der Honeymoon-Phase. Aber irgendwann hast du dein Programm dann auch schon mal an einem Punkt, wo du es ein bisschen über hast. Und dann musst du halt anfangen, das immer wieder zu erneuern, neue Sachen und Zeitgeist reinzukriegen, Panama Papers, Erdogan, Flüchtlingskrise – du musst immer wieder neue Sachen einbauen, damit das auch für dich interessant bleibt.

Was machst du sonst noch, um ein Programm frisch zu halten?
Ich habe seit Jahren so einen Trick, dass ich die Leute in der zweiten Hälfte frage, wo sie denn herkommen. Kommen sie aus der Stadt, kommen sie aus der Nähe, kommen sie aus einem anderen Bundesland oder einem anderen Land, einem anderen Kulturkreis? Da entsteht dann immer so eine Viertelstunde oder 20 Minuten Interaktion mit dem Publikum, die sehr kurzweilig und schlagfertig ist, weil ich auf die Leute reagiere. Für mich ist das sehr erfrischend, weil ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Das ist so ein Stück Improvisation. Du musst dir halt was Neues einfallen lassen, damit es aufregend bleibt. Es gibt einfach kein Patentrezept.

Guckst du: Kaya Yanar – „Planet Deutschland“

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Hast du eine Routine, die du durchziehst, wenn du merkst, dass du gerade einen Hänger hast und völlig auf dem Schlauch stehst?
Einen Notfallgag? Ja, habe ich. Bei den Previews ist mir das ein paar Mal passiert, dass ich vergessen habe, wie es jetzt weitergeht. Notfallgags sind Gags, die du entweder schon mal gespielt hast, die aber so lange zurückliegen, dass sich keiner mehr dran erinnern kann. Oder du erinnerst dich an etwas aus dem letzten Programm und hoffst, dass keiner der Anwesenden dabei gewesen ist (lacht). Diese Notfallgags habe ich bei den Previews tatsächlich schon ein paar Mal rausgehauen, weil ich gemerkt habe „Mist, ich habe vergessen, was ich erzählen wollte… ah, weißt du noch damals, vor zehn Jahren? Da hast du doch irgend so einen Türsteher-Gag gemacht, wie du nicht in die Disco reinkamst, komm, hau den mal raus – wenn du Glück hast, kennt den noch keiner“. Ha, jetzt habe ich dir hier meine Betriebsgeheimnisse verraten.

Es geht ja auch nicht immer nur um den Gag – bei einem Comedian ist es ja oft auch einfach die Person, die Figur, der Duktus und so weiter, die ihn oder sie interessant und ausmachen.
Da hast du Recht. Ich kann zum Beispiel einfach mal den Ranjid machen und rumalbern, dann habe ich die Lacher auf der sicheren Seite. Nur kannst du das eben nicht zehnmal am Abend machen – nach zwei, drei Mal raffen die Leute „Oh, dem fällt nichts ein!“ Aber man muss wirklich sagen: Previews sind hart, für jeden Kollegen. Das Timing der Nummer ist auch manchmal sehr schwer: Je nach Publikum und danach, wie sehr sie lachen, kann eine 5-Minuten-Nummer auch mal zehn Minuten lang sein – oder auch nur zwei. Das ist keine exakte Wissenschaft – du kannst gut drauf sein, kannst Sachen ausspielen, das Publikum kann jedes Wort belachen und dann bauscht sich eine Nummer auf. Aber manchmal funktioniert ‘ne Nummer dann auch gar nicht, obwohl sie einen Tag vorher funktioniert hat – und dann bist du plötzlich ganz schnell durch mit der zweiten Hälfte des Programms. Ist mir auch schon passiert, passiert jedem.

Aber ist ja auch schön, dass der Job nicht so berechenbar ist.
Richtig, das ist der Punkt: Es ist halt keine Ingenieurskunst, Comedy ist einfach nicht exakt. Es ist teilweise immer noch ein Mysterium, auch für uns Comedians. Nur weil ich es schon 20 Jahre mache, heißt das nicht, dass ich den Comedy-Code geknackt habe. Aber das ist auch gut so, denn das hält dich auch ein bisschen jung in der Birne. Jeder, den ich kenne von meinen Kollegen, vom Bülent über Paul Panzer bis zum Teddy Teclebrhan, jeder hat Respekt vor der Comedy. Keiner von uns denkt „Wir wissen ganz genau, wie es geht“ – wir wissen letztlich alle nicht genau, was funktioniert und was nicht, und das wird sich wahrscheinlich auch in den nächsten zehn, 20 Jahren nicht ändern.

Zumal sich ja auch das Verständnis für Comedy verändert.
Ja, der Zeitgeist ändert sich auch – ich weiß noch damals, als ich mit 20 Jahren angefangen habe mit Comedy, da habe ich gesagt „Diese ganzen älteren Comedians, die müssen weg – wir müssen eine neue Comedy-Generation machen!“ Und heute denk ich: „Mist, jetzt gehöre ich zu der alten Comedy-Generation, weil nun diese ganzen YouTuber kommen.“ Und ich verstehe den Humor auch nicht immer – ich guck mir YouTube an und denk mir „hä?!“ Und die Kids feiern das, Millionen Klicks, die gehen voll ab. Und ich denke mir dann so „Mist, jetzt kommt dieser Generationen-Gap mit mir, jetzt versteh ich es langsam nicht mehr.“ Aber ich glaube, das ist normal. Auch Comedy verändert sich ständig.

#WasFragstDu: Hier beantwortet Kaya Yanar drei Fragen, die ihr uns auf Facebook mit auf den Weg gegeben hattet.

http://www.eventim.de/obj/media/DE-eventim/video/Kaya-yanar.mp4

Erzähl doch noch kurz was zu deinem neuen Programm „Planet Deutschland“.
Das Programm ist entstanden, weil ich seit vier Jahren der Liebe wegen in der Schweiz lebe. Ich fühle mich wohl da, ich habe sogar ein Schweizer Programm geschrieben, und natürlich geht’s mir da, wo meine Freundin glücklich ist, auch gut. Aber ich merke, dass ich langsam denke „Wie lange bleiben wir da eigentlich noch?“ Inzwischen sind es ja doch schon vier Jahre geworden. Langsam versuche ich also, meine Freundin ein bisschen in Richtung Deutschland zu leiten: Schau, guck mal da, ist doch auch kein schlechtes Land. Und da ist mir dann die Idee gekommen, ein Comedy-Programm darüber zu schreiben – wie kann man besser für ein Land werben als Späße darüber zu machen?

Ist es derzeit nicht etwas schwierig, für Deutschland Werbung zu machen?
Momentan habe ich es natürlich nicht einfach, weil meine Freundin ständig fragt „Was passiert denn bei euch in Sachsen? Die Leute schreien ‚Wir sind das Volk!‘“ Und dann sag ich „Ja, die sind ein Volk – wir sind ein anderes Volk“. Es ist gerade nicht einfach, aber es ist natürlich auch die Herausforderung für einen Comedian, genau darüber Gags zu machen. Aber es lohnt sich: In schwierigen Zeiten brauchst du natürlich die Comedy. Ich glaube, gute Comedy kann eine soziale Aufgabe erfüllen. Es gibt natürlich Comedy, die ein bisschen oberflächlicher ist – ich werte das nicht, denn es gibt Leute, die eine 80-Stunden-Woche haben und einfach nur mal lachen und nichts mit dem Tagesgeschehen zu tun haben wollen. Ich mache halt eine Comedy, die auf den Bauch und den nächsten Gag zielt, dabei aber auch den Zeitgeist nicht vernachlässigt.

Danke fürs Gespräch, lieber Kaya. Viel Erfolg mit „Planet Deutschland“!

Bilder: Nadine Dilly, LCT GmbH


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Ihr wollt Kaya Yanar live erleben? Kein Problem: Tickets für Kaya Yanars „Planet Deutschland“ gibt es auf eventim.de.


Allgemein

Ben Foitzik

Nach dem Studium hat Ben als Musik- und Filmredakteur sowie als Konzertfotograf gearbeitet, bevor er 2014 zur EVENTIM-Redaktion stieß. Sein Herz schlägt für harte Klänge und Stromgitarren, außer Rand und Band gerät er bei Kvelertak, Biffy Clyro oder Ghost. Hat Stand heute 5.267 Live-Konzerte gesehen – das irrsinnigste: Rammstein. Wird noch seinen Enkeln erzählen, dass er mal Ozzy Osbourne interviewt hat. „Ist ja gut, Opa, aber MACH MAL DIE MUSIK LEISER!“