Tour Talk mit KREATOR: Mille Petrozza über Burger, Kuchen & das Jahrhundertbesäufnis

kreator tickets tour 2017

Am 27. Januar meldet sich die deutsche Metal-Institution Kreator viereinhalb Jahre nach „Phantom Antichrist“ mit dem neuen Album „Gods Of Violence“ zurück – und nur eine Woche später startet die Deutschland-Tour mit Sepultura, Soilwork und Aborted als Support (Tickets gibt es wie immer bei EVENTIM). Aus diesem freudigen Anlass sprachen wir mit Sänger Mille Petrozza im „Tour Talk“ über das Leben on the road und seine denkwürdigsten Tour-Erlebnisse.

Zunächst müssen wir allerdings noch mal klarstellen: Mit „Gods Of Violence“ haben sich Kreator einmal mehr selbst übertroffen! Mille und Co. gelingt seit einigen Jahren das Kunststück, mit jeder neuen Platte immer noch besser zu werden. So wuchtig, kreativ und abwechslungsreich wie auf ihrem 14. Album hat man die Essener Band, die sich seit über 30 Jahren erfolgreich durch die Metalgeschichte drischt und sich längst nicht mehr hinter den US-Größen des Thrash Metals verstecken muss, jedenfalls noch nicht gehört.

Jetzt aber zum „Tour Talk“ mit Mille, der ein paar amüsante Anekdoten aus Kreators bewegtem Tourleben auspackt.

Mille Petrozza im „Tour Talk“-Interview

Was war das widerlichste Essen, das du je auf Tour gegessen hast?

Das war zu der Zeit, als ich Vegetarier wurde. Ende der 80er Jahre waren wir in Amerika auf Tour und ich habe bei McDonald’s gegessen und mich den ganzen Tag nur von Fast Food ernährt. Abends hatte ich dann so eine schlimme Lebensmittelvergiftung, dass ich zum Vegetarier wurde. Heute lebe ich sogar vegan. Man muss echt aufpassen – auf Tour gibt es viel Schrott zu essen, man darf da nicht alles einfach so in sich reinschieben.

Was war die blödeste Autopanne, an die du dich noch erinnerst?

Das war vor ein paar Jahren bei einem Festival in Finnland. Da waren wir am frühen Morgen im Van unterwegs – es war die ganze Nacht nicht dunkel geworden. Der Schlagzeuger von Immortal fuhr auch noch bei uns mit und wir mussten alle paar Meter anhalten, weil der so betrunken war, dass er sich ständig entleeren musste. Dann ist uns auch noch der Reifen geplatzt und wir mussten ihn wechseln. Das war vor fünf oder sechs Jahren – daran kann ich mich noch lebhaft daran erinnern, dass der Typ von Immortal eh schon die ganze Zeit den Wagen zum Anhalten gebracht hat und dann auch noch der Reifen geplatzt ist. Und dass es nachts einfach nicht dunkel wurde.

interview kreator mille petrozza 2017

Was sind für dich die schönsten Tourmomente?

Eigentlich ist ja alles schön, was auf Tour passiert. Außer das Warten auf den Auftritt natürlich, das ist meistens langweilig und stumpf. Du würdest dich wundern, wie langweilig es backstage auf so einer Tour zugeht – der Mythos von Sex, Drugs & Rock’n’Roll ist einfach nicht mehr vorhanden beziehungsweise war der noch nie vorhanden, weil die Leute eigentlich nur irgendwo rumsitzen und warten. Oder essen. Oder heutzutage im Internet surfen. Dementsprechend freut man sich dann immer auf die anderthalb Stunden, in denen man auf der Bühne steht – das ist dann immer das Highlight des Tages: Wenn man in die Gesichter der Fans guckt und die Begeisterung und die Kraft spürt, die vom Publikum zurückkommt, das gibt einem so einen Adrenalinstoß, dass du den ganzen doofen, stumpfen Tag davor vergisst. Aber man darf sich auch nicht langweilen – ich versuche immer, mir Dinge zu suchen, die meinen Tag ausfüllen.

Was wäre das zum Beispiel?

Sport, lesen, Kino, Sauna.

Wurdet ihr mal auf ganz sonderbare Weise für einen Gig bezahlt?

Ja, in der Anfangszeit haben wir Gigs im Ostblock gespielt – Osteuropa wurde damals noch „Der Ostblock“ genannt. Da war das Geld dann so wenig wert, dass man sich Kuchen gekauft hat, damit das nicht verfällt. Wenn man das in Deutschland umtauschen wollte, haben die das zum Teil gar nicht genommen. Also haben wir vor Ort eben Kuchen von der Gage gekauft.

Hast du als Sänger, der ja besonders auf seine Stimme achten muss, einen Geheimtipp gegen Tourerkältung?

Gesunde Ernährung und viel Sport. Ich bin eigentlich nie erkältet. Und wenn, dann nehme ich so viel Chemie, dass ich abends funktioniere. Sonst nehme ich die nie, aber auf Tour schon. Es gab Shows, bei denen ich unter Einfluss von starken Chemikalien stand und die irgendwie gespielt habe. Irgendwann habe ich auch mal eine Grippe verschleppt, was gar nicht so ungefährlich ist – da habe ich glaube ich eine halbe Tour so gespielt. Eigentlich ist das dumm, aber irgendwie muss es ja weitergehen, du musst einfach funktionieren. Aber es gibt Schlimmeres im Leben – man muss einfach auf sich aufpassen und vor allem auf Tour darauf achten, dass man gesund bleibt.

Man wird ja auch älter…

Na ist ja gut so, dass man älter wird! Die Alternative zum Altern ist sterben…

Aber so eine 60-Tage-Tour durchzuziehen muss doch sauanstrengend sein.

Es gibt Anstrengenderes. Ich habe viel mehr Respekt vor Leuten, die jeden Morgen auf dem Bau arbeiten müssen – DAS ist anstrengend. Was wir machen, ist dagegen Kindergarten.

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2017 immer noch am Zahn der Zeit: Kreator (Bild: Robert Eikelpoth)

Wo und wann hattet ihr euren schlimmsten Kater?

Das war das Konzert zum Mauerfall in Ost-Berlin – das gibt’s auch auf DVD („At The Pulse Of Kapitulation: Live in East Berlin“). Da bin ich morgens aufgewacht und das ganze Zimmer sah aus wie nach dem Weltkrieg. Das war brutal. Ich weiß nicht, was wir da gemacht haben, aber ich glaube, da haben wir alles an Drogen genommen und Alkohol getrunken, was es auf der Welt gab. Aber es war ein schöner Tag! Tankard waren auch dabei…

Was war generell dein größter Rockstar-Moment?

Als Joey Ramone mit mir gesprochen hat – da fühlte ich mich wichtig beziehungsweise anerkannt. Joey Ramone war – genau wie ich, hoffe ich – jemand, der einem auf Augenhöhe begegnet. Wenn man ihn getroffen hat, dann war der einfach total normal. Ich bin immer noch totaler Ramones-Fan, und als wir einander mal im Club vorgestellt wurden, war das so, als wenn sich zwei Musikfans treffen. Das fand ich sehr beeindruckend, einer der wichtigsten Momente meines Lebens. Ich wusste es zwar schon vorher, aber das hat mir noch mal bestätigt: Egal, wer du bist – es ist wichtig, dass du den Leuten Respekt zollst und auf Augenhöhe bleibst. Egal, wie groß oder klein, gut oder schlecht jemand in der Gesellschaft dasteht.

Die „Stars“ der Rock- und Metal-Szene sind ja eigentlich alle total freundlich und down to earth.

Eben. Deswegen fühlen wir uns ja auch alle in der Metal-Szene so wohl.

Seid ihr mal so spät zu einem Gig gekommen, dass ihr direkt aus dem Tourbus auf die Bühne gestolpert seid?

Ja, klar. Aber irgendwie haben wir es immer hingekriegt. Letztens haben wir in Minsk in Weißrussland gespielt und wir kamen sechs Stunden zu spät. Die Show hätte um sechs anfangen sollen und wir kamen um zwölf da an. Aber die Leute haben so lange gewartet und keiner ist nach Hause gegangen. Das Konzert endete dann um vier oder fünf Uhr morgens.

Wo hast du die Show deines Lebens gespielt?

Die ist noch nicht gespielt – sonst würde ich nicht mehr auf Tour gehen…

Vielen Dank für das Gespräch, Mille! Wir sehen uns demnächst auf eurer Tour mit Sepultura, Soilwork und Aborted – das wird ein Fest!

Bilder: Robert Eikelpoth

Unbedingt reinhören: Kreator „Gods of Violence“

kreator gods of violence cover


KREATOR auf Tour mit
SEPULTURA, SOILWORK & ABORTED

03.02.2017 – München, Tonhalle
04.02.2017 – Hamburg, Mehr! Theater
17.02.2017 – Wiesbaden, Schlachthof
18.02.2017 – Berlin, Columbiahalle
04.03.2017 – Essen, Grugahalle

KREATOR >>> TICKETS

Du willst die deutsche Thrash-Macht 2017 live erleben? Kein Problem: Tickets für Kreator gibt es auf eventim.de!


Ben Foitzik

Nach dem Studium hat Ben als Musik- und Filmredakteur sowie als Konzertfotograf gearbeitet, bevor er 2014 zur EVENTIM-Redaktion stieß. Sein Herz schlägt für harte Klänge und Stromgitarren, außer Rand und Band gerät er bei Kvelertak, Biffy Clyro oder Ghost. Hat Stand heute 5.267 Live-Konzerte gesehen – das irrsinnigste: Rammstein. Wird noch seinen Enkeln erzählen, dass er mal Ozzy Osbourne interviewt hat. „Ist ja gut, Opa, aber MACH MAL DIE MUSIK LEISER!“

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